Jahrzehnte im Dienst. Dann kam eine Nacht.
Chronischer Stress baut sich leise auf. Oft merken wir ihn erst, wenn plötzlich nichts mehr geht. Eine Szene aus einer Reportage zeigt das.
Ein Kollege aus dem Rettungsdienst erzählt darin von einem älteren Kollegen. Jahrzehnte im Dienst. Erfahren und geschätzt. Eines Nachts sah er alle Toten wieder, die er je gesehen hatte. Von da an konnte er keinen Rettungsdienst mehr machen.
Was genau in ihm vorging, wissen wir nicht. Eine Ferndiagnose steht uns nicht zu. Aber die Szene zeigt etwas, das viele von uns kennen. Was uns Einsatzkräfte umwirft, ist selten dieser eine Einsatz.
Es ist der chronisch erhöhte Wasserstand davor. Jahrelang aufgebaut und nie wirklich abgelassen. Der letzte Einsatz ist dann nur die Welle, die über den Deich schwappt.
Das ist kein Versagen. Das ist eine Trainingslücke. Wir trainieren Reanimation und Triage. Wie wir das Nervensystem über Jahrzehnte entlasten, steht in kaum einem Lehrplan.
Akuter und chronischer Stress: der Unterschied
Akuter Stress ist ein kurzer Alarm. Der Melder geht und unser Körper fährt hoch. Ist die Lage vorbei, fährt er wieder herunter. So ist das System gebaut. Es schützt uns.
Chronischer Stress ist etwas anderes. Forschende des Robert Koch-Instituts sprechen davon, wenn Belastungen auf Dauer unsere Mittel zur Bewältigung übersteigen. Gemeint sind lang andauernde oder häufig wiederkehrende Belastungen im Alltag.
Im Einsatzdienst kennen wir viele davon. Die Nachtdienste. Der Melder, der jederzeit gehen kann. Konflikte auf der Wache. Dazu kommt das Privatleben. Dauerstress heißt nicht, dass jeder Tag schlimm ist. Er heißt, dass die Erholung nicht mehr hinterherkommt.
Wie stark dabei die Tagesform mitspielt, lesen Sie im Artikel Was Resilienz wirklich ist.
Allostatische Last: wie sich kumulativer Stress summiert
Der Neuroendokrinologe Bruce McEwen hat dafür einen Begriff geprägt. Zusammen mit Eliot Stellar sprach er 1993 von allostatischer Last. Allostase heißt wörtlich: Stabilität durch Veränderung. Unser Körper passt sich ständig an. Mal fährt er hoch und mal herunter. Das ist gesund.
Die allostatische Last ist der Preis dafür. McEwen beschreibt sie als Verschleiß durch zu viel Stress oder durch schlecht gesteuerte Anpassung. Schon 1993 betonten die beiden Forscher die versteckten Kosten von chronischem Stress. Er macht uns anfälliger für die Wirkung akuter Belastungen. Genau das meint das Bild vom Wasserstand.
In einer Arbeit von 1998 beschreibt McEwen vier Wege zu dieser Last:
- Viele Treffer: Ein Stressor folgt auf den nächsten.
- Keine Gewöhnung: Der Körper reagiert auf dieselbe Belastung immer wieder voll.
- Kein Abschalten: Die Stressreaktion läuft weiter, obwohl die Lage vorbei ist.
- Zu schwache Antwort: Ein System reagiert zu wenig. Andere gleichen das aus und arbeiten zu viel.
Die ersten drei klingen für viele von uns vertraut. Auch Schlafmangel nennt McEwen ausdrücklich als Quelle. Er schreibt, Schlafentzug erzeuge eine allostatische Überlastung.
Dass kleine Belastungen zählen, ist lange bekannt. Ein Forschungsteam mit dem Stressforscher Richard Lazarus hat 1981 eine Studie mit Erwachsenen über zehn Monate vorgelegt. Die kleinen Ärgernisse des Alltags sagten psychische Beschwerden besser voraus als große Lebensereignisse.
Wichtig ist die Abgrenzung. Hier geht es um Stress aus vielen Alltagsbelastungen. Auch belastende Bilder aus Einsätzen können sich über Jahre ansammeln. Darum geht es im Artikel zur Einsatzstellenhygiene und zum kumulativen Trauma.
Chronischer Stress: Symptome in Schlaf, Stimmung und Körper
Chronischer Stress kommt leise. Die Zeichen ähneln denen bei akutem Stress. Nur gehen sie nicht mehr weg.
Das Robert Koch-Institut hat in seiner Studie zur Gesundheit Erwachsener (DEGS1) chronischen Stress bei rund 5.800 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren erfasst. 11 Prozent fühlten sich stark belastet. Diese Gruppe hatte deutlich häufiger Schlafstörungen, depressive Symptome oder ein Burnout-Syndrom. 61 Prozent von ihnen hatten mindestens eine dieser Beeinträchtigungen. Bei unterdurchschnittlicher bis durchschnittlicher Belastung waren es 16 Prozent.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang und keinen Beweis für die Ursache. Beim Schlaf halten die Forschenden eine ursächliche Wirkung des Stresses aber für wahrscheinlich. Wer dauerhaft schlecht schläft, sollte auch an Dauerstress denken.
Auch der Körper trägt mit. Eine Meta-Analyse von Suzanne Segerstrom und Gregory Miller hat über 300 Studien ausgewertet. Kurzer Stress von wenigen Minuten fuhr Teile der Immunabwehr eher hoch. Chronische Belastungen gingen dagegen mit einer gedämpften Abwehr einher.
Für das Herz ist das Bild differenziert. Laut einer Übersicht von Mika Kivimäki und Andrew Steptoe wirkt Stress im Erwachsenenalter meist schwächer als Rauchen oder Bluthochdruck. Bei Menschen mit vielen Ablagerungen in den Gefäßen kann er aber ein akutes Ereignis auslösen.
Das Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums nennt weitere mögliche Folgen. Dazu gehören Verspannungen und Verdauungsprobleme. Auch Angst und Depressionen zählen dazu.
Zwischen Alarm und Alarm: warum Erholung nicht von selbst kommt
Zwischen Alarm und Alarm gibt es auf der Wache kaum echte Entspannung. Unser Nervensystem wartet angespannt. Von selbst kommt die Entspannung nicht.
Was sagt die Forschung dazu? Ein Team aus Hamburg hat Beschäftigte eines IT-Dienstleisters mit Rufbereitschaft begleitet. An Tagen mit Bereitschaft waren sie gereizter und schlechter gelaunt. Das galt auch dann, wenn gar kein Anruf kam. In einer zweiten Studie mit 132 Beschäftigten begann der Tag nach einer Bereitschaft mit schlechterer Stimmung. Auch der morgendliche Anstieg des Stresshormons Cortisol war höher. Das Fazit der Forschenden: Bereitschaftszeit ist keine Freizeit.
Ganz eindeutig ist das Bild aber nicht. Eine kleine Studie aus Australien hat Feuerwehr- und Rettungskräfte mit Rufbereitschaft von zu Hause untersucht. Die Bereitschaft allein veränderte das Cortisol nicht messbar. Erst nach Nächten mit Einsatz waren die Morgenwerte anders. Den Wachalltag im Schichtdienst hat keine dieser Studien untersucht.
Ein zweiter Mechanismus ist das Grübeln. Der Psychologe Jos Brosschot und Kollegen beschreiben: Sorgen und Grübeln verlängern die körperliche Stressreaktion. Das gilt vor einem belastenden Ereignis und danach. Der Körper bleibt im Einsatzmodus, obwohl die Lage längst vorbei ist.
Erholung ist nichts, das einfach passiert. Wir müssen sie aktiv herstellen.
Was wir gegen Dauerstress aktiv tun können
Die Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag hat untersucht, was Erholung ausmacht. Zusammen mit Charlotte Fritz beschreibt sie vier Erholungserfahrungen. Sie lassen sich gut auf den Einsatzdienst übertragen:
- Abschalten: Lassen Sie den Dienst bewusst auf der Wache. Ein festes Ritual hilft dabei. Zum Beispiel beim Umziehen nach Schichtende.
- Entspannen: Geben Sie Ihrem Körper ein klares Signal zum Runterfahren. Zum Beispiel mit der Nebelhorn-Technik für den Vagusnerv.
- Neues erleben: Suchen Sie sich Herausforderungen außerhalb des Dienstes. Ein Hobby oder ein Sport sind ein guter Anfang.
- Selbst bestimmen: Planen Sie freie Zeit ein, über die Sie allein entscheiden.
Dazu kommen die Grundlagen. McEwen nennt ausdrücklich guten Schlaf und soziale Unterstützung. Auch regelmäßige moderate Bewegung gehört dazu. Nach seiner Einschätzung hilft schon wenig davon.
Wie eng Rückhalt und Stress zusammenhängen, zeigt auch die Studie des Robert Koch-Instituts. Bei geringer sozialer Unterstützung war gut jeder Vierte stark gestresst. Bei starker Unterstützung waren es 7 Prozent. Reden auf der Wache und zu Hause ist deshalb keine Nebensache.
Wie Sie nach einem nächtlichen Alarm wieder in den Schlaf finden, lesen Sie im Artikel Schlaf im Bereitschaftsdienst.
Wann Sie Hilfe holen sollten
Chronischer Stress ist keine Diagnose. Auf Dauer kann er aber die Entstehung von Krankheiten begünstigen. Achten Sie auf Zeichen, die über Wochen bleiben. Etwa anhaltende Schlafprobleme oder Erschöpfung trotz freier Tage. Auch Niedergeschlagenheit, häufige Infekte oder mehr Alkohol am Abend gehören dazu.
Dann ist die Hausarztpraxis eine gute erste Adresse. Auch der betriebsärztliche Dienst, die PSNV Ihrer Organisation oder eine Psychotherapie können helfen. Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche.
Den Wasserstand regelmäßig senken
Den einen Einsatz können wir nicht verhindern. Den Wasserstand davor können wir beeinflussen. Nicht mit einer großen Aktion. Sondern mit kleinen Routinen nach jedem Dienst.
Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Stresshacking setzt deshalb vor dem Einsatz an und nicht erst danach. Es ersetzt weder PSNV noch Behandlung. Es ergänzt beides.
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