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Psychohygiene: die vergessene Säule der Einsatzstellenhygiene

Nach jedem Einsatz waschen wir Ruß und Keime von der Haut. Was der Einsatz in uns hinterlässt, nehmen wir dagegen oft mit nach Hause. Dabei hat Einsatzstellenhygiene zwei Säulen. Die zweite heißt Psychohygiene. Hier lesen Sie, was dahintersteckt und welche Übungen nach dem Einsatz helfen.

Thorsten Springauf · Lesezeit 5 Minuten

Infografik zu den zwei Säulen der Einsatzstellenhygiene: links körperliche Hygiene wie Händedesinfektion und Schutzausrüstung, rechts Psychohygiene wie Atemübungen und Muskelentspannung (KI-Bild)

Die erste Säule: Einsatzhygiene bei der Feuerwehr

Nach jedem Einsatz desinfizieren wir die Hände. Im Rettungsdienst desinfizieren wir Trage und Geräte. Bei der Feuerwehr legen wir verrußte Schutzkleidung ab und reinigen Hände, Hals und Gesicht.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat dazu eine eigene Information herausgegeben. Darin steht klar: Auch nach einem normalen Brandeinsatz ist Einsatzstellenhygiene nötig. Denn Schadstoffe aus dem Brandrauch haften am Ruß. So wandern sie leicht in Fahrzeuge und Umkleiden.

Die wichtigsten Schritte für Brandeinsätze fasst die DGUV in der Merkhilfe SAUBER zusammen:

  • S: Schutzausrüstung vollständig anlegen und schließen
  • A: Atemschutz nutzen
  • U: Überwachung und Dokumentation
  • B: Brandschutzkleidung nach dem Brandeinsatz zügig ausziehen
  • E: Erstreinigung von Händen, Hals und Gesicht noch an der Einsatzstelle
  • R: Rücktransport kontaminierter Schutzausrüstung nicht im Mannschaftsraum

Diese Säule steht. Wir leben sie routiniert und konsequent. Ohne Diskussion.

Die zweite Säule: Psychohygiene

Und was ist mit dem, was wir nach dem Einsatz in uns tragen? Mit den Bildern. Den Gedanken. Der emotionalen Last. Der Spannung im Körper.

Gegen Viren und Bakterien haben wir feste Routinen. Gegen „Psychoviren“ haben wir keine. Wir waschen uns jeden Einsatz vom Körper. In der Psyche lassen wir ihn sitzen.

Genau hier setzt die zweite Säule an. Sie heißt Psychohygiene. Sie gehört zur Einsatzstellenhygiene wie die Händedesinfektion.

Was ist Psychohygiene? Eine Definition

Das Dorsch Lexikon der Psychologie beschreibt Psychohygiene als Disziplin mit langer Geschichte. Ihr Programm wurde schon 1907 festgelegt. Im Kern geht es um zwei Ziele: die seelische Gesundheit pflegen und psychischen Erkrankungen vorbeugen.

Für uns Einsatzkräfte lässt sich das einfach übersetzen. Psychohygiene heißt: Wir sorgen regelmäßig dafür, dass ein Einsatz nicht in uns hängen bleibt. Sie ist keine Therapie. Sie ist Selbstfürsorge im Dienstalltag.

Wichtig dabei: Belastungsreaktionen nach einem schweren Einsatz sind kein Zeichen von Schwäche. Die DGUV nennt ungewohnte Reaktionen nach besonders belastenden Ereignissen zunächst „ganz normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis“. Sie können sich in vier Bereichen zeigen:

  • im Körper, etwa als Herzrasen oder Schlafstörungen
  • in den Gefühlen, etwa als Trauer oder Schuldgefühle
  • in den Gedanken, etwa als quälende Frage nach dem Sinn
  • im Verhalten, etwa als Rückzug von anderen oder verändertes Konsumverhalten

Warum die zweite Säule so oft fehlt

Ein Grund ist unsere Kultur. Ende der Neunziger saß ich nach einem schweren Einsatz abends im Fernsehraum der Wache. Man sah mir an, dass mich das getroffen hatte. Ein altgedienter Kollege kam rüber und sagte: „Junge. Wenn dich das so beschäftigt und du damit nicht klarkommst, dann bist du hier falsch. Entweder du kannst das ab oder nicht.“

Er meinte es nicht böse. Aber es hat gesessen. Ich habe den Satz geschluckt und weggedrückt. So wie man das damals machte.

Jahre später habe ich verstanden: Hinter solchen Sprüchen steckt selten Stärke. Oft steckt eigene ungelöste Not dahinter.

Heute sprechen wir offener über Belastung. Den Kulturwandel brauchen wir aber nach innen. In der Umkleide. Im Fernsehraum.

Das Nervensystem zählt mit

Der zweite Grund: Belastung kommt selten mit einem großen Knall. Sven Steffes-Holländer beschreibt das in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“. Seine zentrale These: Berufliche Traumatisierung wirkt selten als einzelner Einschlag. Sie wirkt eher wie ein schleichendes, niedrig dosiertes Gift.

Einsatz für Einsatz und Jahr für Jahr sammelt sich etwas an. Der Auslöser muss kein Großeinsatz sein. Manchmal ist es der 200. Einsatz. Manchmal zeigt es sich erst Jahre später. Etwa nach privatem Stress oder im ersten ruhigen Urlaub seit Langem. Auch die DGUV weist darauf hin: Folgen außergewöhnlich belastender Einsätze zeigen sich häufig erst zeitversetzt.

Die Zeichen sind oft unauffällig. Nach dem Dienst noch fünf Minuten im Auto sitzen. Zu Hause nur sagen: „War okay.“ Über Dinge lachen, die kein Außenstehender versteht. Das sind keine Diagnosen. Aber es lohnt sich, auf solche Zeichen zu achten. Ein Satz aus dem Buch bringt es auf den Punkt: „Als würde man funktionieren, aber nicht wirklich leben.“

Psychohygiene ist deshalb keine Wellness. Sie ist Prävention. Genau wie das Anlegen der Schutzausrüstung vor dem Einsatz.

Drei Psychohygiene-Übungen nach dem Einsatz

Was konkret hilft? Drei Ideen. Kurz und ohne Hilfsmittel.

  1. Atmen: Nutzen Sie die Rückfahrt für eine kurze Atemübung. Eine einfache Übung zum Herunterfahren finden Sie im Artikel Vagusnerv beruhigen.
  2. Anspannen und loslassen: Spannen Sie den ganzen Körper kurz an. Dann lassen Sie bewusst los. So funktioniert die Kurzform der progressiven Muskelentspannung. Sie dauert gut eine Minute.
  3. Kurz reden: Sagen Sie ein, zwei Sätze zum Einsatz. Zu einer Kollegin oder einem Kollegen. Ohne Bewertung und nur kurz.

Und was wir lassen sollten: Rauchen. Kaffee. Scrollen. Das ist Ablenkung und keine Verarbeitung.

Sie müssen nicht alles auf einmal machen. Wählen Sie eine Übung aus. Koppeln Sie sie an etwas, das Sie ohnehin tun. Zum Beispiel an das Händewaschen nach dem Einsatz. So hängt die zweite Säule direkt an der ersten. Wie der Übergang vom Dienst nach Hause gelingt, lesen Sie im Artikel Abschalten nach dem Einsatz.

Üben Sie zuerst in ruhigen Momenten. Dann sitzt die Übung, wenn es darauf ankommt.

Wann Psychohygiene nicht mehr reicht

Typische erste Reaktionen nach einem schweren Einsatz sind Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder starke Erschöpfung. Meist klingen solche Reaktionen nach Stunden oder Tagen wieder ab. Halten sie länger als drei Tage an, empfiehlt die DGUV den Kontakt zu den psychosozialen Ansprechpartnern der Organisation. Das kann zum Beispiel das Einsatznachsorgeteam sein. Dauern die Reaktionen länger als vier Wochen, sollte professionelle Hilfe dazukommen.

Psychohygiene ersetzt weder PSNV noch Therapie. Sie ergänzt beides. Peers, Einsatznachsorge und Fachleute sind genau für diese Momente da. Die Teilnahme an Angeboten der Einsatznachsorge ist freiwillig. Welche Zeichen Sie ernst nehmen sollten, lesen Sie im Artikel PTBS-Warnzeichen.

Beide Säulen gehören zusammen

Die Einsatzstellenhygiene hat zwei Säulen. Eine leben wir wie selbstverständlich. Die andere haben wir oft gar nicht auf dem Schirm. Mentale Einsatzhygiene sollte so normal werden wie die Händedesinfektion.

Das gelingt nicht über Nacht. Es gelingt über kleine Routinen. Eine Übung nach dem Einsatz. Ein kurzer Satz an die Kollegin. Ein ehrliches „Wie geht es dir?“ im Fernsehraum.

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Häufige Fragen

Was ist Einsatzstellenhygiene?

Einsatzstellenhygiene umfasst alle Hygienemaßnahmen an und nach der Einsatzstelle. Sie schützt vor Keimen und vor Schadstoffen wie Ruß aus dem Brandrauch. Psychohygiene ergänzt sie als zweite Säule.

Was ist Psychohygiene? Wie lautet die Definition?

Psychohygiene ist die Pflege der seelischen Gesundheit. Sie soll auch psychischen Erkrankungen vorbeugen. Für Einsatzkräfte heißt das: Eindrücke und Anspannung aus dem Einsatz regelmäßig abbauen.

Welche Psychohygiene-Übungen helfen nach dem Einsatz?

Gut geeignet sind eine kurze Atemübung und die Kurzform der progressiven Muskelentspannung. Dazu kommt ein kurzes Gespräch mit Kollegen. Alle drei brauchen nur wenige Minuten.

Ist Psychohygiene dasselbe wie PSNV?

Nein. Psychohygiene ist das, was wir selbst regelmäßig tun. Die PSNV ist das organisierte Hilfesystem mit Peers und Fachkräften. Beides ergänzt sich.

Wann reicht Psychohygiene nicht mehr aus?

Halten Reaktionen wie Schlafstörungen länger als drei Tage an, holen Sie die Einsatznachsorge Ihrer Organisation dazu. Dauern sie länger als vier Wochen, ist professionelle Hilfe angezeigt. In einer akuten Krise wählen Sie die 112.

Selbstmanagement und Stressregulation ersetzen keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung. Nach belastenden Einsätzen wenden Sie sich an die PSNV- oder PSU-Angebote Ihrer Organisation. In einer akuten Krise bekommen Sie Tag und Nacht kostenfrei Hilfe bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen Sie unter 116 117. Im Notfall wählen Sie die 112.

Quellen

  1. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (2020): DGUV Information 205-035 „Hygiene und Kontaminationsvermeidung bei der Feuerwehr“. Ausgabe Mai 2020. Berlin: DGUV. Genutzt: S. 5 (Einsatzstellenhygiene auch außerhalb von ABC-Einsätzen), S. 9 (Verschleppung von Schadstoffen über Rußpartikel), S. 34 (Merkhilfe SAUBER). https://publikationen.dguv.de/regelwerk/dguv-informationen/3730/hygiene-und-kontaminationsvermeidung-bei-der-feuerwehr
  2. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (2020): DGUV Information 205-038 „Leitfaden Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte“. Ausgabe November 2020. Berlin: DGUV. Genutzt: S. 8 (Folgen treten häufig zeitversetzt auf), S. 9 (typische Reaktionen, Abklingen nach Stunden oder Tagen, drei Tage, Einsatznachsorgeteams), S. 29 („ganz normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis“, vier Bereiche der Reaktionen, vier Wochen), S. 30 (Teilnahme an Angeboten der PSNV-E freiwillig). https://publikationen.dguv.de/regelwerk/dguv-informationen/3846/leitfaden-psychosoziale-notfallversorgung-fuer-einsatzkraefte
  3. Dorsch Lexikon der Psychologie (Online-Ausgabe, Hrsg. P. Y. Herzberg): Stichwort „Psychohygiene“. Bern: Hogrefe, zuletzt aktualisiert am 10.01.2022, abgerufen am 19.10.2026. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/psychohygiene
  4. Steffes-Holländer, S. (2026): Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften. Erkennen, Verstehen und Bewältigen. Wiesbaden: Springer Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-658-51183-8. Zitat „Als würde man funktionieren, aber nicht wirklich leben.“: S. 44 (Seitenangabe laut Thorstens Rohfassung zum Post vom 08.07.2026; S. 44 liegt in Kapitel 4 „Was ist berufliche Traumatisierung?“, S. 37 bis 48). These vom schleichenden, niedrig dosierten Gift sinngemäß nach Thorstens Post, ohne Seitenangabe.

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