Die erste Säule: Einsatzhygiene bei der Feuerwehr
Nach jedem Einsatz desinfizieren wir die Hände. Im Rettungsdienst desinfizieren wir Trage und Geräte. Bei der Feuerwehr legen wir verrußte Schutzkleidung ab und reinigen Hände, Hals und Gesicht.
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat dazu eine eigene Information herausgegeben. Darin steht klar: Auch nach einem normalen Brandeinsatz ist Einsatzstellenhygiene nötig. Denn Schadstoffe aus dem Brandrauch haften am Ruß. So wandern sie leicht in Fahrzeuge und Umkleiden.
Die wichtigsten Schritte für Brandeinsätze fasst die DGUV in der Merkhilfe SAUBER zusammen:
- S: Schutzausrüstung vollständig anlegen und schließen
- A: Atemschutz nutzen
- U: Überwachung und Dokumentation
- B: Brandschutzkleidung nach dem Brandeinsatz zügig ausziehen
- E: Erstreinigung von Händen, Hals und Gesicht noch an der Einsatzstelle
- R: Rücktransport kontaminierter Schutzausrüstung nicht im Mannschaftsraum
Diese Säule steht. Wir leben sie routiniert und konsequent. Ohne Diskussion.
Die zweite Säule: Psychohygiene
Und was ist mit dem, was wir nach dem Einsatz in uns tragen? Mit den Bildern. Den Gedanken. Der emotionalen Last. Der Spannung im Körper.
Gegen Viren und Bakterien haben wir feste Routinen. Gegen „Psychoviren“ haben wir keine. Wir waschen uns jeden Einsatz vom Körper. In der Psyche lassen wir ihn sitzen.
Genau hier setzt die zweite Säule an. Sie heißt Psychohygiene. Sie gehört zur Einsatzstellenhygiene wie die Händedesinfektion.
Was ist Psychohygiene? Eine Definition
Das Dorsch Lexikon der Psychologie beschreibt Psychohygiene als Disziplin mit langer Geschichte. Ihr Programm wurde schon 1907 festgelegt. Im Kern geht es um zwei Ziele: die seelische Gesundheit pflegen und psychischen Erkrankungen vorbeugen.
Für uns Einsatzkräfte lässt sich das einfach übersetzen. Psychohygiene heißt: Wir sorgen regelmäßig dafür, dass ein Einsatz nicht in uns hängen bleibt. Sie ist keine Therapie. Sie ist Selbstfürsorge im Dienstalltag.
Wichtig dabei: Belastungsreaktionen nach einem schweren Einsatz sind kein Zeichen von Schwäche. Die DGUV nennt ungewohnte Reaktionen nach besonders belastenden Ereignissen zunächst „ganz normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis“. Sie können sich in vier Bereichen zeigen:
- im Körper, etwa als Herzrasen oder Schlafstörungen
- in den Gefühlen, etwa als Trauer oder Schuldgefühle
- in den Gedanken, etwa als quälende Frage nach dem Sinn
- im Verhalten, etwa als Rückzug von anderen oder verändertes Konsumverhalten
Warum die zweite Säule so oft fehlt
Ein Grund ist unsere Kultur. Ende der Neunziger saß ich nach einem schweren Einsatz abends im Fernsehraum der Wache. Man sah mir an, dass mich das getroffen hatte. Ein altgedienter Kollege kam rüber und sagte: „Junge. Wenn dich das so beschäftigt und du damit nicht klarkommst, dann bist du hier falsch. Entweder du kannst das ab oder nicht.“
Er meinte es nicht böse. Aber es hat gesessen. Ich habe den Satz geschluckt und weggedrückt. So wie man das damals machte.
Jahre später habe ich verstanden: Hinter solchen Sprüchen steckt selten Stärke. Oft steckt eigene ungelöste Not dahinter.
Heute sprechen wir offener über Belastung. Den Kulturwandel brauchen wir aber nach innen. In der Umkleide. Im Fernsehraum.
Das Nervensystem zählt mit
Der zweite Grund: Belastung kommt selten mit einem großen Knall. Sven Steffes-Holländer beschreibt das in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“. Seine zentrale These: Berufliche Traumatisierung wirkt selten als einzelner Einschlag. Sie wirkt eher wie ein schleichendes, niedrig dosiertes Gift.
Einsatz für Einsatz und Jahr für Jahr sammelt sich etwas an. Der Auslöser muss kein Großeinsatz sein. Manchmal ist es der 200. Einsatz. Manchmal zeigt es sich erst Jahre später. Etwa nach privatem Stress oder im ersten ruhigen Urlaub seit Langem. Auch die DGUV weist darauf hin: Folgen außergewöhnlich belastender Einsätze zeigen sich häufig erst zeitversetzt.
Die Zeichen sind oft unauffällig. Nach dem Dienst noch fünf Minuten im Auto sitzen. Zu Hause nur sagen: „War okay.“ Über Dinge lachen, die kein Außenstehender versteht. Das sind keine Diagnosen. Aber es lohnt sich, auf solche Zeichen zu achten. Ein Satz aus dem Buch bringt es auf den Punkt: „Als würde man funktionieren, aber nicht wirklich leben.“
Psychohygiene ist deshalb keine Wellness. Sie ist Prävention. Genau wie das Anlegen der Schutzausrüstung vor dem Einsatz.
Drei Psychohygiene-Übungen nach dem Einsatz
Was konkret hilft? Drei Ideen. Kurz und ohne Hilfsmittel.
- Atmen: Nutzen Sie die Rückfahrt für eine kurze Atemübung. Eine einfache Übung zum Herunterfahren finden Sie im Artikel Vagusnerv beruhigen.
- Anspannen und loslassen: Spannen Sie den ganzen Körper kurz an. Dann lassen Sie bewusst los. So funktioniert die Kurzform der progressiven Muskelentspannung. Sie dauert gut eine Minute.
- Kurz reden: Sagen Sie ein, zwei Sätze zum Einsatz. Zu einer Kollegin oder einem Kollegen. Ohne Bewertung und nur kurz.
Und was wir lassen sollten: Rauchen. Kaffee. Scrollen. Das ist Ablenkung und keine Verarbeitung.
Sie müssen nicht alles auf einmal machen. Wählen Sie eine Übung aus. Koppeln Sie sie an etwas, das Sie ohnehin tun. Zum Beispiel an das Händewaschen nach dem Einsatz. So hängt die zweite Säule direkt an der ersten. Wie der Übergang vom Dienst nach Hause gelingt, lesen Sie im Artikel Abschalten nach dem Einsatz.
Üben Sie zuerst in ruhigen Momenten. Dann sitzt die Übung, wenn es darauf ankommt.
Wann Psychohygiene nicht mehr reicht
Typische erste Reaktionen nach einem schweren Einsatz sind Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder starke Erschöpfung. Meist klingen solche Reaktionen nach Stunden oder Tagen wieder ab. Halten sie länger als drei Tage an, empfiehlt die DGUV den Kontakt zu den psychosozialen Ansprechpartnern der Organisation. Das kann zum Beispiel das Einsatznachsorgeteam sein. Dauern die Reaktionen länger als vier Wochen, sollte professionelle Hilfe dazukommen.
Psychohygiene ersetzt weder PSNV noch Therapie. Sie ergänzt beides. Peers, Einsatznachsorge und Fachleute sind genau für diese Momente da. Die Teilnahme an Angeboten der Einsatznachsorge ist freiwillig. Welche Zeichen Sie ernst nehmen sollten, lesen Sie im Artikel PTBS-Warnzeichen.
Beide Säulen gehören zusammen
Die Einsatzstellenhygiene hat zwei Säulen. Eine leben wir wie selbstverständlich. Die andere haben wir oft gar nicht auf dem Schirm. Mentale Einsatzhygiene sollte so normal werden wie die Händedesinfektion.
Das gelingt nicht über Nacht. Es gelingt über kleine Routinen. Eine Übung nach dem Einsatz. Ein kurzer Satz an die Kollegin. Ein ehrliches „Wie geht es dir?“ im Fernsehraum.
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