Warum PTBS bei Einsatzkräften oft unbemerkt beginnt
Wir Einsatzkräfte sehen Dinge, die andere nie sehen müssen. Die meisten Einsätze verarbeiten wir gut. Manche bleiben hängen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) spricht hier zunächst von ganz normalen Reaktionen auf ein unnormales Ereignis.
Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht selten abrupt. Meist entwickeln sich die Anzeichen allmählich. Über Wochen und manchmal über Monate. Auch die DGUV weist darauf hin, dass Folgen oft zeitversetzt auftreten. Eine PTBS kann sogar erst mehr als sechs Monate nach dem Ereignis auftreten.
Oft bemerkt das Umfeld wenig davon. Oft bemerken wir es selbst nicht. Deshalb braucht es zwei Dinge: eine geschärfte Selbstwahrnehmung und wache Aufmerksamkeit füreinander.
PTBS bei Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei: was die Zahlen sagen
Wie häufig ist PTBS im Einsatzdienst? Eine viel zitierte Übersichtsarbeit von William Berger und Kollegen hat 2012 Studien aus aller Welt zusammengefasst. Es waren 28 Studien mit mehr als 20.000 Einsatzkräften. Im Schnitt hatten 10 Prozent eine aktuelle PTBS. Im Rettungsdienst lagen die Werte höher als bei Feuerwehr und Polizei.
In der Allgemeinbevölkerung liegt der Anteil laut den Autoren je nach Land bei höchstens 3,5 Prozent. Eine spätere Meta-Analyse nur zum Rettungsdienst kam auf 11 Prozent (Petrie und Kollegen, 2018).
Wichtig ist die Einordnung. Die 10 Prozent beschreiben den Stand zur Zeit der Befragung. Eine Zahl für das ganze Berufsleben ist das nicht. Die Studien unterscheiden sich außerdem stark in Land, Methode und Einsatzlage. Klar ist aber: Wir tragen ein anderes Risiko als die meisten Menschen. Nicht wegen mangelnder Stärke. Sondern wegen dessen, was wir im Dienst erleben.
Fünf Warnzeichen, auf die wir achten können
Die folgenden fünf Veränderungen tauchen auch im Leitfaden der DGUV auf. Sie können einzeln oder gemeinsam auftreten.
Schlafstörungen und Albträume
Der Schlaf wird flach und unruhig. Wir wachen nachts oft auf. Belastende Träume kehren wieder. Und selbst nach genug Stunden im Bett bleibt die Erschöpfung.
Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme
Die Zündschnur wird kürzer. Kleinigkeiten bringen uns aus der Ruhe. Gleichzeitig fällt es schwerer, bei einer Sache zu bleiben. Selbst Routineaufgaben kosten plötzlich mehr Kraft.
Rückzug und Distanz
Gespräche im Team werden seltener. Es entsteht eine spürbare Distanz. Manchmal schleicht sich ein zynischer Ton ein. Was im Moment entlastet, isoliert auf Dauer.
Ungewollte Erinnerungen
Fachleute sprechen von Intrusionen. Plötzlich sind Bilder, Geräusche oder Gerüche aus einem Einsatz wieder da. Oft reicht ein scheinbar belangloser Auslöser. Die Erinnerungen kommen ohne Vorwarnung. Viele erleben das wie einen Verlust der Kontrolle.
Mehr Alkohol oder Medikamente
Der Griff zum Glas oder zur Tablette wird häufiger. Vor allem abends oder direkt nach belastenden Einsätzen. Dahinter steht oft der Versuch, die innere Anspannung herunterzufahren.
Diese Zeichen sind keine Diagnose. Jedes davon kann viele Ursachen haben. Eine PTBS stellen nur Fachleute fest. Die Zeichen sind aber ein guter Grund, genauer hinzusehen. Und darüber zu reden.
Wenn Sie Zeichen an sich bemerken
Vielleicht erkennen Sie sich in einem der Punkte wieder. Das ist kein Grund zur Panik. Es ist ein Signal, das Sie ernst nehmen dürfen. Diese ersten Schritte sind ein guter Anfang:
- Nehmen Sie die Veränderung wahr. Ohne sich dafür zu verurteilen.
- Sprechen Sie mit einer Person Ihres Vertrauens. Die DGUV nennt zum Beispiel Führungskräfte, die Hausärztin oder ein bekanntes Mitglied des PSNV-Teams.
- Speichern Sie Namen und Nummer Ihres Peers oder Ihres Einsatznachsorgeteams im Handy. Dann sind sie da, wenn Sie sie brauchen.
- Verbringen Sie bewusst Zeit mit Dingen, die Ihnen Freude machen. Auch das nennt die DGUV als Tipp für Einsatzkräfte.
- Suchen Sie den Kontakt zu Menschen, die Ihnen guttun. Familie, Freunde und Kollegen sind laut DGUV ein sehr guter Rückhalt.
Was normal ist und wann Sie Hilfe holen sollten
Nach einem belastenden Einsatz sind Schlafprobleme, Gereiztheit oder Erschöpfung zunächst normal. Laut DGUV klingen solche Reaktionen meist innerhalb von Stunden oder Tagen ab. Der Leitfaden nennt zwei Zeitmarken:
- Halten die Reaktionen länger als drei Tage an, beziehen Sie die psychosozialen Ansprechpartner Ihrer Organisation ein. Das ist zum Beispiel das Einsatznachsorgeteam.
- Bestehen sie länger als vier Wochen, holen Sie sich professionelle Hilfe.
Diese Wege stehen Ihnen offen:
- Peers und Einsatznachsorge Ihrer Organisation. Die Angebote sind freiwillig und vertraulich.
- Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt. Die Hausarztpraxis kennt Sie und kann weitervermitteln.
- Eine Psychotherapie mit Schwerpunkt Psychotraumatologie. Ist ein Einsatz der Auslöser, kann die gesetzliche Unfallversicherung zuständig sein. Fragen Sie in Ihrer Organisation nach der Unfallanzeige. Für Beamtinnen und Beamte gilt die Dienstunfallfürsorge.
Die DGUV beschreibt die PTBS als gut behandelbar. Je früher Unterstützung kommt, desto besser sind laut Leitfaden die Aussichten. Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche. Die DGUV nennt es sinngemäß die Pflicht zur Ersten Hilfe sich selbst gegenüber.
Kollegen ansprechen: zugewandt statt mit Zeigefinger
Bemerken wir etwas bei einer Kollegin oder einem Kollegen, dürfen wir das ansprechen. Die DGUV beschreibt Kolleginnen und Kollegen ausdrücklich als wichtige Ressource. Sie können Veränderungen erkennen, die wir selbst übersehen.
Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Einfach zugewandt:
„Ich merke, dass es dir in letzter Zeit nicht so gut geht. Magst du reden?“
Mehr braucht es für den Anfang nicht. Sie müssen keine Lösung parat haben. Zuhören ist schon ein erster Schritt. Braucht das Gespräch mehr, holen Sie gemeinsam einen Peer dazu.
Nicht jede Belastung nach einem Einsatz ist eine PTBS. Manchmal sind es Schuld und Zweifel an uns selbst. Darum geht es im Artikel über Moral Injury und Mitgefühlserschöpfung.
Unser Nervensystem zählt mit
Jeder Einsatz hinterlässt Spuren. Jede Nachtschicht. Jede Reanimation, die nicht gut ausging. Nicht dramatisch. Aber schleichend. Wie sich solche Spuren summieren, beschreibt der Artikel über chronischen Stress.
Was wir nach jedem Einsatz selbst tun können, steht im Artikel zur Einsatzstellenhygiene und Psychohygiene. Stresshacking ersetzt keine Behandlung. Es setzt vorher an: Wir trainieren unser Nervensystem für den Alltag im Einsatz. Ob und wie stark uns ein Einsatz trifft, hat trotzdem niemand ganz in der Hand.
Wer tiefer einsteigen will: Sven Steffes-Holländer beschreibt PTBS und andere Traumafolgen bei Einsatzkräften ausführlich in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“ (2026). Ich kann es jedem von uns ans Herz legen.
Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.