Wenn ein Einsatz nicht loslässt
Viele von uns kennen das. Es war nicht der schlimmste Einsatz. Trotzdem lässt er uns nicht los. Wir wissen, dass wir alles getan haben. Der Kopf weiß es. Aber etwas in uns zweifelt trotzdem.
Manchmal steckt hinter diesem Gefühl keine Angst. Es steckt etwas anderes dahinter: Schuld, Scham und Zweifel an uns selbst. Fachleute sprechen dann von Moral Injury, auf Deutsch moralische Verletzung. Sven Steffes-Holländer beschreibt dieses Konzept in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“. Viele Einsatzkräfte kennen es noch nicht.
Was Moral Injury bedeutet
Der Begriff stammt aus der Forschung mit Soldaten. Brett Litz und Kollegen haben 2009 eine viel zitierte Beschreibung vorgelegt. Danach kann Moral Injury entstehen, wenn Handlungen tiefe moralische Überzeugungen verletzen. Das kann eigenes Handeln sein. Es kann auch etwas sein, das wir mit ansehen mussten oder nicht verhindern konnten.
Inzwischen wird das Thema auch bei Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei untersucht. Eine Übersichtsarbeit von Liana Lentz und Kollegen (2021) hat die Forschung dazu zusammengefasst. Als häufige Belastungen nennt sie Verrat und ethische Zwickmühlen. Dazu kommt die Erfahrung, Tod oder Schaden nicht verhindern zu können.
Moral Injury ist keine Diagnose. Das National Center for PTSD in den USA beschreibt typische Reaktionen. Dazu gehören Schuld und Scham. Dazu kommen Wut, Ekel oder das Gefühl von Verrat. Moral Injury kann zusammen mit einer PTBS auftreten. Sie kann aber auch ganz ohne PTBS bestehen. Woran wir eine PTBS erkennen können, steht im Artikel über PTBS-Warnzeichen.
Wenn der eigene Anspruch keine Ausnahmen kennt
Ein Kind, das wir nicht retten konnten. Ein Moment, in dem wir unserem eigenen Anspruch nicht gerecht wurden. Was dann ins Wanken gerät, ist unser Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und unser Selbstwert. Im Kopf läuft ein Satz: „Ich bin nicht gut genug.“
Unser Retter-Anspruch lässt oft keine Ausnahmen zu. Der Einsatzalltag schon. Es wird immer Einsätze geben, in denen wir nicht retten können. Wer das nicht in sein Selbstbild aufnimmt, misst sich an einem unerfüllbaren Maßstab.
Dann zermürbt uns nicht der Einsatz selbst. Es ist das Gedankenkarussell danach. Das macht moralische Verletzungen so heimtückisch. Sie laufen leise im Hintergrund. Wie eng das mit unserem Selbstwert zusammenhängt, beschreibt der Artikel über das Helfer-Paradox. Was gegen das Gedankenkarussell hilft, steht im Artikel über Selbstzweifel nach dem Einsatz.
Compassion Fatigue: wenn Mitgefühl müde wird
Neben der moralischen Verletzung gibt es eine zweite leise Belastung. Der Traumaforscher Charles Figley hat sie 1995 als Compassion Fatigue beschrieben. Im Deutschen sagen wir Mitgefühlserschöpfung. Sein Buch beginnt mit einem einfachen Satz: „There is a cost to caring.“ Helfen hat seinen Preis.
Figley setzt Mitgefühlserschöpfung mit sekundärem traumatischem Stress gleich. Gemeint ist die Belastung durch das Helfen oder Helfenwollen bei Menschen in Leid und Not. Im Deutschen ist dafür auch der Begriff sekundäre Traumatisierung verbreitet. Einsatzkräfte aus Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst berichten in Figleys Buch von besonderer Anfälligkeit beim Leid von Kindern.
Die Empathieforscherinnen Olga Klimecki und Tania Singer schlagen einen genaueren Begriff vor. Sie sprechen von Erschöpfung durch empathischen Stress. Ihr Gedanke: Nicht das Mitgefühl erschöpft uns. Sondern das Mitleiden.
Mitgefühl statt Mitleiden
Was ist der Unterschied? Singer und Klimecki beschreiben Empathie als Mitfühlen mit einem anderen Menschen. Dabei verwechseln wir uns nicht mit ihm. Aus Empathie kann zweierlei werden:
- Mitgefühl richtet sich auf den anderen. Es geht mit warmen Gefühlen und dem Wunsch zu helfen einher.
- Empathischer Stress richtet sich auf uns selbst. Er geht mit Stress und dem Wunsch nach Rückzug einher.
In einer Studie von Klimecki und Kollegen (2014) verstärkte ein Empathietraining negative Gefühle beim Anblick fremden Leids. Ein anschließendes Mitgefühlstraining kehrte das um und stärkte positive Gefühle. Das spricht dafür: Mitgefühl lässt sich üben.
Für mich gilt: Einsatz am Menschen ohne Mitgefühl ist unprofessionell. Mitleiden aber auch. Und doch ist Mitleiden menschlich.
Ich war Einsatzleiter bei einem Zimmerbrand. Niemand wurde verletzt. Die Familie war nicht zu Hause. Für uns war es ein Standardeinsatz. Dann kam die Familie an die Einsatzstelle. Ihr gesamtes Hab und Gut war vernichtet.
In diesem Moment ging es nicht darum, dass ich ruhig bleibe. Es ging darum, was meine Ruhe für die Familie möglich macht. Für uns war es Routine. Für diese Menschen war es eine Katastrophe. Das wollte ich wahrnehmen und ihnen gegenüber anerkennen.
Auffangen heißt dabei nicht, alles selbst zu leisten. Wir haben sofort Angehörige der Familie an die Einsatzstelle geholt. Sie sind noch da, wenn wir längst wieder abgerückt sind.
Das ist für mich Mitgefühl im Einsatz: da sein und auffangen. Erste nächste Schritte aufzeigen. Und über die Jahrzehnte im Dienst nicht verrohen.
Was hilft: Gespräch, Peers und Selbstmitgefühl
Moral Injury und Mitgefühlserschöpfung sind keine Schwäche. Sie zeigen, dass uns unsere Werte und die Menschen wichtig sind. Diese Schritte können helfen:
- Reden Sie darüber. Mit Kolleginnen und Kollegen, mit einem Peer oder der Einsatznachsorge. Die Angebote der PSNV sind freiwillig und vertraulich.
- Üben Sie Selbstmitgefühl. Die Psychologin Kristin Neff beschreibt dafür drei Teile. Freundlich mit sich sein statt hart urteilen. Das eigene Erleben als Teil des Menschseins sehen. Und schmerzhafte Gedanken wahrnehmen, ohne sich in ihnen zu verlieren.
- Fragen Sie sich: Würde ich mit einem Kollegen so reden wie mit mir selbst?
- Erkennen Sie Ihre Grenzen an. Es wird Einsätze geben, in denen wir nicht retten können. Auch ein hoher Anspruch darf Ausnahmen zulassen.
- Achten Sie auf Ihren Körper. Kurze Übungen wie die progressive Muskelentspannung können Anspannung nach dem Einsatz lösen.
- Holen Sie sich professionelle Hilfe, wenn Schuld und Zweifel bleiben. Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt ist eine gute erste Adresse. Auch eine Psychotherapie mit Schwerpunkt Psychotraumatologie ist ein Weg.
Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche. So steht es auch im Leitfaden der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zur Psychosozialen Notfallversorgung.
Und eine Frage zum Schluss: Welchen Anspruch stellen Sie an sich selbst? Lässt dieser Anspruch auch Ausnahmen zu?
Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.