Das Missverständnis: einmal resilient, immer resilient
Viele denken über Resilienz so: Man erarbeitet sie sich einmal. Dann ist man gewappnet. Wer im Einsatz trotzdem kippt, hat eben nicht genug trainiert.
Dieses Missverständnis sehe ich immer wieder. Bei Einsatzkräften, in Organisationen und in Fortbildungen. Man investiert in Seminare. Man lernt Techniken. Und trotzdem reagiert das Nervensystem irgendwann schneller, als wir bewusst handeln können.
Der Alltag zeigt ein anderes Bild. Derselbe Mensch. Dieselbe Art von Einsatz. 99 Mal bleibt er ruhig. Beim 100. Mal überschießt die Stressantwort. Nach einer schlechten Nacht. Nach einem Konflikt auf der Wache. Oder wenn der private Stress im Kopf mitläuft.
Nicht weil wir schwächer geworden sind. Sondern weil Resilienz kein Zustand ist, den man einmal erwirbt.
Was ist Resilienz? Eine Definition
Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz beschreibt Resilienz als Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während und nach schwierigen Lebensphasen. Einfacher gesagt: Wir bleiben unter Belastung psychisch gesund. Oder wir finden danach schnell wieder zurück.
Wichtig ist ein zweiter Punkt. Das Institut versteht Resilienz heute nicht mehr als festes und unveränderbares Charaktermerkmal.
Für uns Einsatzkräfte heißt das: Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Und sie schwankt mit der Tagesform.
Im Einsatzalltag hilft deshalb ein anderes Bild. Resilienz ist eher eine Wahrscheinlichkeit als eine Eigenschaft. Gemeint ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute in diesem Einsatz klar und ruhig reagieren.
Resilienz ist immer Tagesform
Wer gestern stark war, kann heute kippen. Das ist keine Schwäche. Wie resilient wir heute reagieren, hängt von unserem aktuellen Zustand ab. Nicht von unserem Charakter.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Bin ich resilient? Sie lautet: Wie ist mein Zustand heute vor diesem Dienst?
Schlaf ist dafür ein gutes Beispiel. Ein US-Forschungsteam ließ gesunde Erwachsene eine Nacht lang wach bleiben. Eine Vergleichsgruppe schlief normal. Insgesamt nahmen 26 Personen teil. Danach durchliefen alle einen standardisierten Stresstest. Die Gruppe ohne Schlaf hatte schon vorher höhere Cortisolwerte. Auf den Stress reagierte ihr Körper zudem mit einem stärkeren Cortisolanstieg.
Die Studie war klein. Sie ist ein Hinweis und kein Beweis. Mehr zum Thema lesen Sie im Artikel Schlaf im Bereitschafts- und Nachtdienst.
Unsere Resilienz beginnt also nicht erst im Einsatz. Sie beginnt in der Nacht davor.
Der Resilienz-Akku: ein Akku für Dienst und Privatleben
Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen Dienstzeit und Freizeit. Für beides haben wir nur einen einzigen Akku.
Was uns privat fordert, kostet deshalb auch im Einsatz Kraft. Zum Beispiel:
- Schlecht geschlafen vor dem Dienst
- Ein Streit mit dem Partner oder der Partnerin ist noch nicht geklärt
- Stau auf dem Weg zur Wache
- Zeitnot
- Ein Autofahrer schneidet uns ohne zu blinken
All das zieht Energie ab. Noch bevor wir zum ersten Alarm ausrücken.
Mit weniger Ladung reagiert unser Körper anders. Wir sind schneller gereizt. Wir landen schneller im Tunnelblick. Und der Zugang zu unserem Wissen und unserer Erfahrung wird schwerer. Genau dann, wenn wir beides am dringendsten brauchen.
Das ist dann keine Frage der Willenskraft mehr. Es ist eine Frage der Kapazität.
Keiner von uns würde mit leerem Handy-Akku aus dem Haus gehen. Für den eigenen Akku fehlt uns dagegen oft der Blick.
Mentale Erschöpfung kündigt sich leise an
„Ich mache erst fertig. Dann mache ich Pause.“ Diesen Satz habe ich in über 30 Jahren Einsatzdienst tausendmal gehört. Von Kollegen. Von Kameraden. Von mir selbst.
Das Problem: Nach dem dritten Einsatz in Folge ist die Konzentration oft schon gesunken. Wir merken es nur nicht. Der Kopf meldet nicht: Akku leer. Er arbeitet einfach schlechter.
Mentale Erschöpfung zeigt sich deshalb eher in kleinen Zeichen:
- Die Fehler werden mehr.
- Die Zündschnur wird kürzer.
- Kleine Handgriffe kosten plötzlich Kraft.
Ein einfaches Modell macht das greifbar. Stellen Sie sich Ihren Kopf als Akku mit fünf Stufen vor:
- 100 Prozent: klarer Kopf
- 75 Prozent: Die Konzentration lässt nach.
- 50 Prozent: erste Fehler
- 25 Prozent: Reizbarkeit
- 10 Prozent: nur noch Durchhalten
Die Stufen sind ein Denkmodell. Es sind keine Messwerte. Sie helfen aber, den eigenen Füllstand ehrlich einzuschätzen.
Deshalb gehört die kurze Pause zwischen zwei Einsätzen zum Dienst. Nicht erst nach der totalen Erschöpfung. Niemand erwartet vom RTW, dass er ohne Tanken durch die Schicht kommt. Warum erwarten wir es von uns selbst?
Wie sich Belastung über Jahre summiert, lesen Sie im Artikel über chronischen Stress.
Resilienz ist nicht Stressresistenz
Oft wird Resilienz mit Stressresistenz verwechselt. Stressresistenz klingt nach: An mir prallt alles ab. Eine Studie aus der Hirnforschung passt nicht zu diesem Bild.
Forschende der RPTU Kaiserslautern-Landau und der Universität Amsterdam haben 82 Erwachsene im Kernspintomografen untersucht. Die Teilnehmenden trafen wiederholt Entscheidungen mit kleinen Geldgewinnen und Geldverlusten. Wer dabei das Positive etwas stärker gewichtete, hatte höhere Werte bei der Akzeptanz. Akzeptanz gilt als wichtiger Faktor für psychische Resilienz.
Das Überraschende: Das Gehirn dieser Menschen reagierte auf Verluste nicht schwächer. Es reagierte stärker. Vor allem in Hirnregionen für Kontrolle und Regulation. Dazu gehören Bereiche im präfrontalen Kortex hinter der Stirn. Kleine Verluste fielen bei ihren Entscheidungen trotzdem weniger ins Gewicht.
Die Studie hat Grenzen. Sie zeigt einen Zusammenhang. Ursache und Wirkung belegt sie nicht. Und ein Entscheidungsspiel im Labor ist kein Einsatz.
Für uns steckt darin trotzdem ein wichtiger Gedanke. Resilienz heißt nicht, Negatives auszublenden. Resilienz heißt, es kontrolliert zu verarbeiten.
Dafür gibt es zwei Wege. Der eine führt über Unterstützung von außen. Peers, die PSNV oder psychologische Betreuung gehören dazu. Ebenso ein gutes Gespräch mit Menschen aus dem Einsatzdienst. Der andere Weg führt über uns selbst. Mit Techniken, die wir jederzeit selbst anwenden können. Beides gehört zusammen.
Resilienz stärken: was Sie selbst in der Hand haben
Kann man Resilienz trainieren? Nicht einmal und dann für immer. Aber wir können die Bedingungen verbessern, unter denen eine resiliente Reaktion wahrscheinlicher wird. Das gelingt auf zwei Ebenen.
Die erste Ebene ist die Organisation. Arbeitszeitmodelle, Schichtplanung und die Gestaltung unserer Wachen gehören dazu. Ebenso Teamklima und Führungskultur. Das ist Führungsaufgabe. Welche Faktoren dabei zählen, lesen Sie im Artikel Schutzfaktoren der Resilienz.
Die zweite Ebene sind wir selbst. Jede Einsatzkraft kann den eigenen Akku kennenlernen und gegensteuern:
- Prüfen Sie vor Dienstbeginn Ihren Füllstand. Wie habe ich geschlafen? Was läuft privat mit?
- Halten Sie die Entlader klein. Klären Sie Konflikte möglichst früh.
- Laden Sie bewusst nach. Kurze Pausen zwischen den Einsätzen zählen dazu.
- Üben Sie eine Technik zur Regulation in ruhigen Momenten. Zum Beispiel die Kurzform der progressiven Muskelentspannung.
So wird aktives Stresshacking zur Meta-Kompetenz. Es geht darum, den eigenen Zustand zu kennen und rechtzeitig zu handeln. Diese Verantwortung können wir nicht abgeben. Weder als Organisation noch als einzelne Einsatzkraft.
Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.