Warum ein Einsatz hängen bleibt und ein anderer nicht
Ob wir nach einem belastenden Einsatz stabil bleiben, hängt nicht nur von der Stärke des Ereignisses ab. Entscheidend sind auch die Ressourcen, auf die wir zurückgreifen können.
Der Arzt und Psychotherapeut Sven Steffes-Holländer beschreibt diese Ressourcen in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“. Er unterscheidet drei Ebenen von Schutzfaktoren:
- Individuelle Schutzfaktoren: was in uns selbst liegt
- Soziale Schutzfaktoren: was uns von außen trägt
- Organisationale Schutzfaktoren: was die Struktur um uns herum leisten muss
Psychische Stabilität ist deshalb nie nur Privatsache. Sie entsteht in uns selbst. Im Team und in der Familie. Und in der Organisation, für die wir ausrücken.
Was sind Schutzfaktoren der Resilienz?
Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung nennt Beispiele für Resilienzfaktoren. Dazu gehören eine optimistische Denkweise, hohes Selbstvertrauen oder ein unterstützendes soziales Umfeld. Solche Faktoren machen eine gesunde Anpassung an Belastung wahrscheinlicher. Garantieren können sie sie nicht.
In diesem Artikel verwenden wir Schutzfaktor und Resilienzfaktor im gleichen Sinn.
Dabei gilt: Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Und sie schwankt mit der Tagesform. Mehr dazu lesen Sie im Artikel Was Resilienz wirklich ist.
Individuelle Schutzfaktoren: was in uns liegt
Steffes-Holländer nennt vier individuelle Schutzfaktoren.
- Emotionsregulation. Gemeint ist die Fähigkeit, Stressreaktionen wahrzunehmen und aktiv zu steuern. Sie bildet das Fundament. Wer das eigene Nervensystem bewusst regulieren kann, findet nach intensiven Einsätzen leichter in einen stabilen Zustand zurück.
- Selbstwirksamkeitserwartung. Das ist die Überzeugung, schwierige Situationen bewältigen zu können. Der Psychologe Albert Bandura hat beschrieben, woraus sie sich speist. Die wichtigste Quelle sind eigene Erfolgserlebnisse. Also die Erfahrung, frühere Belastungen gemeistert zu haben.
- Coping-Strategien und Sinnfindung. Gemeint ist ein aktiver Umgang mit dem Erlebten. Probleme lösen und reflektieren statt verdrängen.
- Resilienz und Kohärenzsinn. Den Begriff Kohärenzsinn hat der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky geprägt. Er beschreibt ein Grundvertrauen mit drei Teilen. Was passiert, ist verstehbar. Die Anforderungen sind mit den vorhandenen Mitteln zu bewältigen. Und es lohnt sich, sich dafür einzusetzen. Für uns heißt das: Wir wissen, warum unsere Arbeit sinnvoll ist. Das gibt Orientierung wie ein innerer Kompass.
Der erste Faktor verdient einen zweiten Blick. Wir Einsatzkräfte lernen, wie wir Leben retten. Wie wir unsere eigenen Emotionen im Einsatz regulieren, lernen wir dagegen kaum. In unserer Ausbildung kommt das Thema so gut wie nicht vor. Wie Emotionsregulation konkret geht, lesen Sie im Artikel Emotionsregulation im Einsatz.
Diese Fähigkeiten sind nicht einfach angeboren. Wir können sie entwickeln.
Soziale Schutzfaktoren: was uns von außen trägt
Es ist nicht egal, wer mit uns im Einsatz ist. Und wer danach um uns herum ist. Gerade dann, wenn es schwierig wird. Steffes-Holländer nennt drei soziale Schutzfaktoren.
- Teamzusammenhalt und kollegiale Gesprächskultur. Wo ein Team offen über Erlebtes spricht, entsteht Normalität. Was wir gemeinsam tragen, muss niemand allein verarbeiten.
- Unterstützende Partnerschaften und enge Freundschaften. Menschen außerhalb des Dienstes fangen uns auf. Sie wirken wie ein Anker, wenn der Boden im Job wackelt.
- Wertschätzung und Anerkennung. Wer sich gesehen und anerkannt fühlt, ist besser vor Entfremdung geschützt. Das gilt besonders in Berufen mit viel Selbstaufopferung.
Soziale Schutzfaktoren entstehen nicht von allein. Wir müssen sie aktiv pflegen. Im Team. In der Partnerschaft. Im Freundeskreis.
Organisationale Schutzfaktoren: was die Struktur leisten muss
Auch unsere Organisation hat Einfluss darauf, ob wir stabil bleiben. Steffes-Holländer nennt vier organisationale Schutzfaktoren.
- Niedrigschwelliger Zugang zu Hilfe. Supervision, Einsatznachsorge und psychosoziale Notfallversorgung sollten jederzeit erreichbar sein. Ohne lange Wege und ohne Hürden.
- Strukturell verankerte Fürsorge. Psychosoziale Nachsorge ist fester Standard. Sie hängt nicht vom Zufall ab und nicht vom Engagement Einzelner.
- Führungskompetenz. Führungskräfte brauchen eine psychologische Basiskompetenz. Der Umgang mit Belastung im Team ist auch Führungsaufgabe.
- Organisationsklima. Eine offene Kommunikationskultur beugt Stigmatisierung und Rückzug vor. Wo offen gesprochen werden darf, wird seltener geschwiegen.
Organisationale Schutzfaktoren lassen sich nicht an Einzelne delegieren. Sie müssen bewusst gestaltet und gelebt werden. Von der Führungsebene bis in den Einsatzalltag. Was das für Führungskräfte heißt, steht im Artikel Psychohygiene als Führungsaufgabe.
Trotzdem trägt jede und jeder von uns zum Klima bei. Wir können Kolleginnen und Kollegen nach einem schweren Einsatz ansprechen. Wir können selbst offen über Belastung reden. Und wir können Angebote wie die PSNV ernst nehmen, statt sie kleinzureden.
Und die 7 Säulen der Resilienz?
Wer nach Resilienzfaktoren sucht, stößt schnell auf die 7 Säulen der Resilienz. In Ratgebern stehen meist diese sieben:
- Optimismus
- Akzeptanz
- Lösungsorientierung
- Opferrolle verlassen
- Verantwortung übernehmen
- Netzwerkorientierung
- Zukunftsplanung
Das Modell ist im Coaching weit verbreitet. Zu seiner Herkunft gibt es unterschiedliche Angaben. Oft werden die US-Psychologen Karen Reivich und Andrew Shatté genannt. Ihr Buch „The Resilience Factor“ von 2002 beschreibt aber sieben andere Fähigkeiten. Dazu gehören Emotionsregulation, Impulskontrolle und Selbstwirksamkeit.
Die 7 Säulen können als Orientierung helfen. Eine eindeutige wissenschaftliche Quelle für genau diese Einteilung haben wir nicht gefunden. Die Schutzfaktoren in diesem Artikel stammen deshalb aus der Fachliteratur zu Einsatzkräften. Eine Gemeinsamkeit gibt es: Emotionsregulation steht bei Reivich und Shatté ebenso auf der Liste wie bei Steffes-Holländer.
Wo Sie selbst ansetzen können
PSNV, Supervision und Einsatznachsorge fangen uns nach belastenden Einsätzen auf. Das ist wichtig, richtig und notwendig. Doch all das setzt an, wenn bereits etwas passiert ist.
Vor dem Einsatz können wir selbst ansetzen. Am besten bei der Emotionsregulation. Drei Fragen helfen beim Einstieg:
- Wie gut nehme ich meine Stressreaktion im Einsatz wahr?
- Mit wem im Team spreche ich nach einem schweren Einsatz?
- Weiß ich, wie ich in meiner Organisation an Unterstützung komme?
Üben Sie eine einfache Technik zur Regulation in ruhigen Momenten. Dann sitzt sie, wenn Sie sie brauchen. Mehr zur akuten Stressreaktion lesen Sie im Artikel Kampf, Flucht und Erstarrung. Eine Übung für zwischendurch finden Sie unter Vagusnerv beruhigen.
Jede gelungene Anwendung zählt dabei doppelt. Wer eine Technik im Ernstfall erfolgreich nutzt, erlebt: Ich kann etwas tun. Genau solche Erfolgserlebnisse nennt Bandura als wichtigste Quelle der Selbstwirksamkeitserwartung. So stärkt ein Schutzfaktor den nächsten.
Schutzfaktoren sind kein Schicksal. Viele davon können wir stärken.
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