Ein Moment, den ich lange nicht verstanden habe
Fight or Flight, also Kampf oder Flucht: Diese Notfallreaktion steckt in jedem von uns. Auch in erfahrenen Einsatzkräften. Ich habe sie selbst erlebt.
Ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Rettungswagen. Einsatzstichwort: leblose Person. Vor der Wohnungstür stand die Tochter.
„Mein Vater! Bitte helfen Sie ihm!“
In der Wohnung war medizinisch sofort klar: Hier ist nichts mehr zu tun. Dann drehte ich mich um. Die Tochter stand da und wartete auf eine gute Nachricht.
In mir löste sich etwas aus. Kein Mitgefühl. Kein Plan. Nur: weg. Ich bin an ihr vorbeigegangen.
Mein Kollege blieb. Er setzte sich zu ihr und blieb bei ihr, bis der Notarzt eintraf. Er tat das, wozu ich in diesem Moment nicht fähig war. Das habe ich mir jahrelang nicht vergeben.
Erst viel später habe ich verstanden, was da passiert war. Nicht der Verstorbene hatte meinen Stress ausgelöst. Es waren die Augen der Tochter. Ihre Hoffnung, die ich nicht erfüllen konnte. Der Schalter geht in Bruchteilen von Sekunden um. Trotz Ausbildung. Trotz Erfahrung.
Was ist Stress? Eine Bewertung
Wir sagen oft: Der Einsatz stresst mich. Genau genommen stimmt das nicht. Stress entsteht durch die Bewertung unseres Nervensystems. Und die läuft meist unbewusst ab.
Eine bekannte Stress-Definition stammt von Richard Lazarus und Susan Folkman aus dem Jahr 1984. Vereinfacht gesagt: Stress entsteht, wenn wir eine Lage als bedrohlich bewerten. Und wenn wir unsere eigenen Mittel dafür als zu knapp einschätzen.
Unser Nervensystem stellt also eine Frage: Übersteigt diese Lage gerade meine Fähigkeiten? Lautet die Antwort ja, schaltet es in den Stressmodus.
Das erklärt, warum zwei Einsatzkräfte denselben Einsatz völlig verschieden erleben. Nicht weil eine von beiden schwächer ist. Sondern weil ihr Nervensystem anders bewertet. Stress ist nicht das, was mit uns passiert. Stress ist das, was unser Nervensystem daraus macht.
Eustress und Distress: nicht jeder Stress schadet
Stress ist nicht grundsätzlich schlecht. Der Stressforscher Hans Selye hat in den 1970er-Jahren zwei Begriffe dafür geprägt. Die Vorsilbe „Eu“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet gut.
- Eustress fordert uns. Er macht uns wach und leistungsfähig.
- Distress überfordert uns. Er belastet und schadet auf Dauer.
Ein gewisses Maß an Anspannung brauchen wir im Einsatz sogar. Entscheidend ist, ob wir die Anforderung noch bewältigen können. Derselbe Alarm kann für die eine Kollegin Eustress sein und für den anderen Distress.
Fight or Flight: was im Körper passiert
Schlägt unser Nervensystem Alarm, übernimmt der Sympathikus. Er ist der Teil des Nervensystems, der uns auf Leistung schaltet. Auf Deutsch sprechen wir von der Kampf-oder-Flucht-Reaktion.
In Sekunden passiert eine ganze Menge:
- Die Nebennieren schütten Adrenalin und Noradrenalin aus.
- Puls und Blutdruck steigen.
- Wir atmen schneller.
- Die Muskeln spannen sich an.
- Die Verdauung wird heruntergefahren.
Etwas später folgt das Stresshormon Cortisol. Es hält die Bereitschaft länger aufrecht.
Der amerikanische Physiologe Walter B. Cannon hat diese Notfallreaktion schon 1915 beschrieben. Er hatte beobachtet, dass bei erschreckten Katzen die Verdauung stoppte. Der Körper stellt in Sekunden Energie für Kampf oder Flucht bereit. Für unsere Vorfahren war das bei Gefahr überlebenswichtig.
Die dritte Reaktion: Erstarrung
Neben Kampf und Flucht gibt es eine dritte Möglichkeit. Fachleute nennen sie Freeze, also Erstarrung. Der Körper hält inne. Wir werden still. Der Puls kann dabei sogar sinken.
Die Forscherin Karin Roelofs von der Radboud-Universität in Nijmegen beschreibt das Erstarren nicht als passives Aufgeben. Sie sieht darin eine Bremse für die Bewegung. In dieser kurzen Pause nimmt der Körper die Lage auf und bereitet die nächste Handlung vor.
Im Einsatz kennen viele von uns diesen Moment. Wir stehen kurz wie festgefroren da. Meist dauert das nur Sekunden. Aber in diesen Sekunden handeln wir nicht.
Tunnelblick: wenn der Verstand leiser wird
Akuter Stress verändert auch unser Denken. Das Alarmzentrum im Gehirn gewinnt die Oberhand. Fachleute nennen es Amygdala. Der Psychologe Daniel Goleman hat dafür 1995 den Begriff Amygdala-Hijack geprägt. Das Alarmzentrum kapert die Steuerung.
Gleichzeitig wird der präfrontale Kortex leiser. Mit diesem Teil des Gehirns planen wir und wägen ab. Die Neurowissenschaftlerin Amy Arnsten beschreibt: Schon milder akuter Stress kann diese Fähigkeiten schnell und deutlich einschränken. Vor allem dann, wenn wir die Lage nicht kontrollieren können.
Die Folgen kennen viele von uns:
- Tunnelblick: Wir sehen nur noch einen kleinen Ausschnitt der Lage.
- Handlungsstarre: Wir wissen, was zu tun ist. Aber wir tun es nicht.
- Falsche Prioritäten: Wir verlieren uns in Nebensachen.
Schon 1959 beschrieb der Psychologe J. A. Easterbrook, dass starke Gefühle die Aufmerksamkeit verengen. Wir nutzen dann weniger Hinweise aus unserer Umgebung. Keine Checkliste hilft mehr, wenn der Kopf erst dichtgemacht hat.
Auch Führungskräfte trifft es
Eine zweite Szene hat mich lange beschäftigt. Ein Brand mitten in der Nacht. Wir kamen zur Unterstützung an die Einsatzstelle. Die Lage war unübersichtlich. Ich wandte mich an den Einsatzleiter.
„Was können wir tun?“
Er sah mich an. Dann drehte er sich um und ging einfach weg. Kein Befehl. Keine Übergabe. Kein Wort.
Was in ihm vorging, kann ich nicht wissen. Ich will es auch nicht beurteilen. Aber ich habe mich damals gefragt: Kann mir das auch passieren? Die ehrliche Antwort war ja.
Unser Nervensystem fragt nicht nach Dienstgrad oder Funktion. In der Ausbildung lernen wir sehr viel. Was in solchen Sekunden im Körper passiert, lernen wir dort selten. Und auch nicht, wie wir wieder ans Steuer kommen.
Keine Schwäche, sondern Neurophysiologie
Mit Charakter hat das wenig zu tun. Kampf, Flucht und Erstarrung sind uralte Schutzprogramme. Die Biologie ist schneller als jeder bewusste Gedanke. Im Einsatz passen diese Programme nur oft nicht zur Aufgabe. Wir sollen ja nicht weglaufen. Wir sollen klar denken und handeln.
Wer einen solchen Moment erlebt hat, sollte darüber sprechen können. Mit Kollegen, mit Peers oder mit der PSNV.
Die gute Nachricht: Unser Nervensystem lässt sich trainieren. Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Mehr dazu lesen Sie im Artikel Was Resilienz wirklich ist.
Ein Teil davon ist Gewöhnung. Fachleute sprechen von Habituation. In einer Studie von 2003 machten 65 Erwachsene dreimal denselben Stresstest im Abstand von vier Wochen. Die Cortisol-Antwort wurde schnell schwächer. Adrenalin, Noradrenalin und Puls stiegen dagegen jedes Mal ähnlich an. Der schnelle Alarm bleibt also. Deshalb brauchen wir Werkzeuge für genau diesen Moment.
Was im Ernstfall hilft
Wir können die Stressreaktion nicht abschalten. Aber wir können früher gegensteuern. Ein Werkzeug dafür haben wir immer dabei: unseren Atem.
Seit dem Einsatz mit der Tochter nutze ich vor jedem Eintreffen eine kurze Atemtechnik. Nicht um den Einsatz leichter zu machen. Sondern um so lange wie möglich bewusst zu handeln, statt nur zu reagieren.
Ein langes Ausatmen weckt den Gegenspieler des Sympathikus: den Parasympathikus. Er ist die Bremse unseres Nervensystems. Wie Sie diese Bremse nach dem Einsatz bewusst treten, lesen Sie im Artikel über den Vagusnerv und die Nebelhorn-Technik.
Warum wir nur in einem bestimmten Bereich klar denken können, erklärt der Artikel Fenster der Toleranz.
Üben Sie in ruhigen Momenten. Dann sitzt die Technik, wenn der Schalter umgehen will.
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