Wenn ein Einsatz als Satz zurückbleibt
Ein erfahrener Kollege war privat unterwegs. Vor ihm war ein schwerer Unfall passiert. Er hielt an und nahm seinen Verbandskasten. Tausende Einsatzstunden lagen hinter ihm. Aber er hatte kein Fahrzeug, kein Team und kein Material. Er half mit dem, was er hatte. Es reichte nicht. Der Mensch im Auto starb.
Einige Wochen später saß er mir im Gespräch gegenüber. „Komisch“, sagte er. „Der Einsatz hat mich eigentlich gar nicht wirklich getroffen.“ Seitdem hielt er Abstand zu Patientinnen und Patienten. Er ließ Kolleginnen und Kollegen vor. Lieber blieb er in der zweiten Reihe. Warum, verstand er selbst nicht.
Der Einsatz hatte sich als Satz in ihm festgesetzt. Nicht als Trauer. Nicht als Schock. Sondern als Überzeugung: „Ich tue anderen Menschen nicht gut.“ Dieser Satz lief still im Hintergrund und steuerte seinen Dienst.
Belastung zeigt sich nicht immer in Tränen oder schlaflosen Nächten. Manchmal zeigt sie sich als Distanz und Rückzug. Oder als „Lass mal lieber den anderen.“
Selbstzweifel nach dem Einsatz: woher sie kommen
Viele von uns kennen solche Sätze. „Ich bin nicht gut genug.“ „Ich hätte es merken müssen.“ Selbstzweifel nach einem schweren Einsatz sind zunächst normal. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) nennt in ihrem Leitfaden Schuldgefühle als mögliche Reaktion auf außergewöhnliche Belastung. Ebenso überzogene Härte gegen sich selbst.
Drei Dinge machen den Zweifel oft hartnäckig.
Ein hoher Anspruch
Wir Einsatzkräfte stellen hohe Ansprüche an uns. Doch dieser Anspruch lässt oft keine Ausnahmen zu. Wie eng das mit verletzten Werten zusammenhängt, steht im Artikel über Moral Injury. Wie sehr unser Selbstwert am Einsatz hängen kann, beschreibt das Helfer-Paradox.
Der Rückschaufehler
Hinterher wissen wir, wie der Einsatz ausgegangen ist. In der Situation wussten wir es nicht. Der Psychologe Baruch Fischhoff hat diesen Unterschied 1975 untersucht. In seinen Experimenten erfuhren Studierende, wie ein Ereignis ausgegangen war. Danach hielten sie genau diesen Ausgang für wahrscheinlicher. Dass das Wissen ihr Urteil verändert hatte, merkten sie meist nicht. Fachleute sprechen vom Rückschaufehler oder Hindsight Bias.
Wie stark das wirkt, zeigt eine Studie aus der Medizin. Ein Team um Robert Caplan legte 1991 insgesamt 112 Anästhesistinnen und Anästhesisten Behandlungsfälle vor. Jeden Fall gab es zweimal mit gleicher Behandlung. Nur der Ausgang war verschieden. Endete ein Fall mit bleibendem statt vorübergehendem Schaden, sank der Anteil der Urteile „angemessen“ um 31 Prozentpunkte. Das Ergebnis färbt das Urteil über unser Handeln. Auch über unser eigenes.
Das Gedankenkarussell
Dann beginnt das Grübeln. Was wäre gewesen, wenn? Hätte ich doch früher reagiert. Eine Übersichtsarbeit um die Psychologin Susan Nolen-Hoeksema fasst 2008 zusammen: Grübeln verstärkt negatives Denken. Es erschwert das Lösen von Problemen. Und es kann die Unterstützung durch andere schwächen.
Selbstkritik oder Selbstmitgefühl: was uns weiterbringt
Zurückschauen ist wichtig. Entscheidend ist die Form.
- Gesunde Selbstkritik bleibt bei den Fakten. Sie fragt nach dem nächsten Mal.
- Selbstabwertung wird pauschal. Sie beginnt mit „Ich bin …“ und lähmt.
Viele von uns glauben: Nur wer hart mit sich ist, wird besser. Die Psychologin Kristin Neff setzt dem das Selbstmitgefühl entgegen: Freundlichkeit mit sich selbst statt harter Selbstkritik.
Macht uns das bequem? Eine Studie spricht dagegen. In einem Experiment von Juliana Breines und Serena Chen (2012) erinnerten sich Teilnehmende an ein eigenes Fehlverhalten. Eine Gruppe wurde zu Selbstmitgefühl angeleitet. Sie war stärker als die Vergleichsgruppen motiviert, den Fehler wiedergutzumachen und nicht zu wiederholen. Selbstmitgefühl redet Fehler nicht klein. Es kann sogar motivieren, besser zu werden.
Und der Selbstwert? In einer Studie von Kristin Neff und Roos Vonk (2009) mit mehr als 2.000 Menschen ging Selbstmitgefühl mit einem stabileren Gefühl des eigenen Werts einher. Es hing weniger von einzelnen Ergebnissen ab als das Selbstwertgefühl. Wer seinen Selbstwert stärken will, kann also hier ansetzen.
Die innere Erlaubnis: Gefühle und Hilfe zulassen
Sven Steffes-Holländer beschreibt in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“ etwas, das viele von uns kennen. Es sind selten die dramatischen Zusammenbrüche. Es sind die stillen Momente nach dem Dienst. Wenn nichts mehr ablenkt, ist auf einmal alles wieder da.
Als Coach erlebe ich immer wieder: Der erste Schritt ist keine Atemübung. Er ist eine innere Erlaubnis. Die Erlaubnis zu sagen: Da ist etwas, das mich beschäftigt. Und das ist okay.
Genau das fällt vielen Einsatzkräften schwer. Wir kennen die Logik: Gefühle zeigen heißt Schwäche. Schwäche heißt Scham. Und Scham schweigt.
Für mich braucht diese Erlaubnis zwei Dinge. Wir üben, uns selbst ohne Bedingungen anzunehmen. Und wir lernen, mit der Angst vor Ablehnung von außen umzugehen. Die innere Erlaubnis ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist die Basis für alle weiteren Schritte.
Der Leitfaden der DGUV sieht das ähnlich: Einsatzkräfte sollen sich Belastung eingestehen. Gefühle dürfen nicht unterdrückt werden.
Hilfe annehmen: warum es so schwerfällt
Mit dieser Hürde sind wir nicht allein. Eine Übersichtsarbeit von Peter Haugen und Kollegen (2017) zeigt: Rund ein Drittel der befragten Einsatzkräfte stimmte Aussagen zu, die auf Stigma hindeuten. Am häufigsten ging es um Vertraulichkeit und Nachteile im Beruf. Manche wussten auch nicht, wo es Hilfe gibt.
Die DGUV beschreibt dasselbe Muster. Manche Einsatzkräfte sehen durch Hilfe ihr Image als „harte Kerle und Retter“ in Gefahr. Der Leitfaden nennt das eine überholte Denkweise. Und er ist deutlich: Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe für die Seele einzufordern und anzunehmen.
Diese Wege stehen Ihnen offen:
- Peers und Einsatznachsorge: Peers sind Kolleginnen und Kollegen mit einer Ausbildung in Psychosozialer Notfallversorgung (PSNV). Die Teilnahme ist freiwillig.
- Eine Person Ihres Vertrauens: Das kann laut DGUV eine Führungskraft sein. Oder Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt. Verschwiegenheit ist dabei selbstverständlich.
- Psychotherapie: Wenn Zweifel und Schuld bleiben, ist sie ein guter Weg. Ist ein Einsatz der Auslöser, kann die gesetzliche Unfallversicherung zuständig sein.
Hilfe annehmen lässt sich lernen. Der erste Schritt ist oft ein einziger Satz: „Mich beschäftigt da etwas.“
Fünf Schritte gegen das Gedankenkarussell
- Finden Sie den Satz. Solche Sätze laufen oft unbemerkt im Hintergrund. Schreiben Sie auf, was Ihr Kopf nach dem Einsatz sagt. Erst dann können Sie ihn prüfen.
- Trennen Sie damals und heute. Fragen Sie sich: Was wusste ich in dem Moment? Welche Mittel hatte ich? Was war die beste Entscheidung mit diesen Informationen?
- Suchen Sie andere Erklärungen. Welche Gründe gab es noch für den Ausgang? Laut den Psychologen Neal Roese und Kathleen Vohs kann das den Rückschaufehler verringern.
- Ziehen Sie eine Lehre statt eines Urteils. Was ist eine Sache, die Sie beim nächsten Mal anders machen? Und was hat trotzdem gut funktioniert?
- Machen Sie eine Pause für Selbstmitgefühl. Kristin Neff schlägt dafür drei Sätze vor. Etwa so: „Das tut gerade weh.“ „Anderen geht es nach solchen Einsätzen genauso.“ „Ich darf jetzt freundlich mit mir sein.“ Legen Sie dabei die Hände aufs Herz, wenn Ihnen das guttut.
Steht der Körper noch unter Strom, beginnen Sie dort. Kurze Übungen dafür stehen im Artikel zur Psychohygiene nach dem Einsatz.
Wann Selbstzweifel in fachliche Hände gehören
Laut DGUV klingen erste Reaktionen häufig innerhalb von Tagen oder wenigen Wochen ab. Bestehen sie länger als vier Wochen, sollten Sie sich professionelle Hilfe holen.
Warten Sie nicht so lange, wenn Schuld oder Selbstzweifel immer lauter werden. Oder wenn Sie merken, dass Sie anders arbeiten als früher. So wie der Kollege in der zweiten Reihe. Auch wenn Hoffnungslosigkeit dazukommt, gehört das in fachliche Hände. Weitere Zeichen finden Sie im Artikel über PTBS-Warnzeichen.
Haben Sie Gedanken an den Tod oder daran, nicht mehr leben zu wollen? Dann holen Sie sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge ist Tag und Nacht erreichbar. Die Nummern stehen im Hinweis unten. Im Notfall wählen Sie die 112.
Ein Einsatz ist kein Urteil über uns
Der Kollege aus dem Gespräch war fachlich stark. Trotzdem hat ein einziger Einsatz seinen Dienst verändert. Unser Selbstbild ist mehr als ein einzelnes Ergebnis. Auch ein Einsatz ohne gutes Ende ist kein Urteil über uns als Mensch.
Stresshacking ersetzt weder Peers noch Therapie. Es ergänzt sie im Alltag.
Welche inneren Sätze tauchen bei Ihnen nach einem Einsatz auf? Schreiben Sie sie beim nächsten Mal auf.
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