Ehrenamt in der Feuerwehr: über eine Million Freiwillige
Wer in Deutschland zur Feuerwehr geht, tut das meist im Ehrenamt. Hauptberuflich arbeiten nur wenige. Laut Deutschem Feuerwehrverband gab es Ende 2023 bundesweit 23.760 Freiwillige Feuerwehren. Dort waren 1.028.021 Frauen und Männer aktiv. In den 114 Berufsfeuerwehren arbeiteten 39.501 Menschen.
Auf eine Einsatzkraft der Berufsfeuerwehr kommen also mehr als 25 Freiwillige. Das Ehrenamt in der Feuerwehr ist kein Randthema. Es ist der Normalfall.
Ich habe 1992 selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr angefangen. Seit 1996 bin ich bei der Berufsfeuerwehr. Ich kenne also beide Seiten. Freiwillige stehen an denselben Einsatzstellen. Nur unter anderen Bedingungen. Um diese Bedingungen geht es hier.
Was das Ehrenamt psychisch besonders macht
Sven Steffes-Holländer stellt in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“ Berufsfeuerwehr und Freiwillige Feuerwehr gegenüber. Daraus habe ich in einem LinkedIn-Beitrag vier Unterschiede abgeleitet.
Der Alarm kommt mitten aus dem Alltag
Wir werden von jetzt auf gleich aus dem Privatleben gerissen. Aus dem Einkauf. Aus dem Wohnzimmer. Vom Abendessen mit der Familie. Oder vom Schreibtisch: In acht Minuten stehen wir am Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person. Einen Schichtbeginn gibt es nicht. Auch kein Ankommen auf der Wache.
Die Anfahrt allein im eigenen Auto
Wir wissen, dass es um Leben und Tod gehen kann. Schon auf der Fahrt zum Gerätehaus steigt die Anspannung. Wir sitzen allein im Auto. Niemand ist da, mit dem wir ein Wort wechseln. Bei der Berufsfeuerwehr fällt diese Fahrt weg. Die Kräfte warten schon auf der Wache.
Wir kennen die Betroffenen
Im eigenen Ort kennen wir Betroffene häufiger persönlich. Die Nachbarin. Der Unfall auf der Straße, die wir jeden Tag fahren. Der Patient aus dem Verein. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) nennt Einsätze mit persönlich bekannten Verletzten oder Toten ausdrücklich. Bei solchen Einsätzen sollen Führungskräfte prüfen, ob sie die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) hinzuziehen.
Nach dem Einsatz direkt zurück in den Alltag
Die Berufsfeuerwehr fährt nach dem Einsatz gemeinsam zurück zur Wache. Dort ist Zeit für Gespräche. Freiwillige fahren oft zügig nach Hause. Allein zurück zur Familie oder an den Arbeitsplatz. Wie lange wir danach emotional brauchen, fragt selten jemand.
Dazu kommt die Einsatzhäufigkeit. In der Gegenüberstellung ist sie bei Freiwilligen niedriger und schwerer vorhersehbar. Wer seltener ausrückt, hat auch weniger Routine mit schweren Lagen.
Keiner dieser Punkte sagt etwas über Können oder Härte. Sie beschreiben die Bedingungen, unter denen wir helfen.
Was die Forschung über die Belastung weiß
Zum Ehrenamt gibt es weniger Forschung als zur Berufsfeuerwehr. Zwei Studien geben Hinweise.
Ein Team der Ludwig-Maximilians-Universität München hat ehrenamtliche Einsatzkräfte in Bayern und Brandenburg befragt. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat die Ergebnisse 2007 zusammengefasst. Zum Zeitpunkt der Befragung erfüllten 2,32 Prozent der Feuerwehrleute alle Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Das war weniger als erwartet. Frühere Studien mit Berufsfeuerwehrleuten hatten höhere Werte gefunden. Direkt vergleichbar sind die Zahlen laut den Forschern aber nicht.
Junge Feuerwehrmänner um die 25 hatten ein dreimal so hohes Risiko für eine PTBS wie gleichaltrige Männer in einer Vergleichsstudie. 8,2 Prozent berichteten von Beschwerden mit möglichem Hinweis auf ernsthafte psychische Erkrankungen. Nach belastenden Einsätzen zeigten sich vor allem Ängste. Etwa als innere Unruhe und Anspannung.
Eine Studie aus den USA ergänzt das Bild. Ian Stanley und Kollegen haben 2015 insgesamt 525 Feuerwehrleute online befragt. Die Freiwilligen berichteten mehr Symptome von Depression und posttraumatischem Stress als die Berufsfeuerwehrleute. Sie stießen auch häufiger auf praktische Hürden bei der Hilfe. Etwa Kosten oder fehlende Angebote. Die Unterschiede waren allerdings klein. Die Stichprobe war nicht repräsentativ. Als eine mögliche Erklärung nennen die Autoren den plötzlichen Wechsel zwischen Alltag und Einsatz.
Ob Freiwillige stärker belastet sind als Berufsfeuerwehrleute, ist nicht eindeutig geklärt. Klar ist: Einsätze hinterlassen auch im Ehrenamt Spuren. Die Münchener Forscher betonen zugleich: Die meisten Einsatzkräfte sind gesund und bewältigen Belastungen gut.
Der Weg zurück ist oft ein Weg allein
Die Münchener Studie hat auch gefragt, wer nach harten Einsätzen hilft. Die wichtigsten Ansprechpartner waren in der Regel Partnerinnen und Partner. Ebenso Kameradinnen und Kameraden sowie Vorgesetzte. Als Unterstützung bekamen geschulte Kameraden die meiste Zustimmung. Also Peers.
Genau das fehlt nach dem Einsatz im Ehrenamt oft. Wenn alle schnell nach Hause fahren, bleibt kein Raum für ein Gespräch. Die Befragten nannten fehlende Unterstützung und fehlende Ansprechpartner selbst als Belastung. Die DGUV beschreibt einen Mangel an sozialer Unterstützung als Risikofaktor für psychische Erkrankungen nach traumatischen Ereignissen.
Dazu kommt ein zweiter Befund der Münchener Studie. Wer Belastungen verdrängt, hält Beschwerden eher aufrecht. Das Gespräch nach dem Einsatz ist kein Luxus. Es ist ein Schutzfaktor. Was Psychohygiene nach dem Einsatz bedeutet, lesen Sie im Artikel Einsatzstellenhygiene und Psychohygiene.
PSNV und Einsatznachsorge auch für Freiwillige
Die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte heißt PSNV-E. Laut DGUV stehen ihre Angebote jeder Einsatzorganisation und ihren Angehörigen offen. Die Verantwortung für die Gesundheit der Einsatzkräfte trägt zum Beispiel die Gemeinde oder der Landkreis. Dazu zählen ausdrücklich auch ehrenamtlich tätige Personen.
Was das konkret heißt:
- In vielen Regionen gibt es ausgebildete Personen, die Einsatzkräfte nach belastenden Einsätzen unterstützen. Die Teilnahme ist freiwillig und vertraulich.
- Angefordert werden sie in der Regel über die Leitstelle. Oder über die bekannten Ansprechpersonen der PSNV.
- Im Ehrenamt finden Nachsorgegespräche meist am Abend statt.
- Als Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr sind Sie gesetzlich unfallversichert. Zuständig ist je nach Bundesland eine Feuerwehr-Unfallkasse oder die Unfallkasse des Landes.
- Ein psychischer Gesundheitsschaden nach einem Einsatz kann als Arbeitsunfall anerkannt werden. Dafür braucht es eine Unfallanzeige. Bei Bedarf sind über das Psychotherapeutenverfahren zunächst fünf Probesitzungen möglich.
- Sie können sich auch direkt an Ihre Unfallversicherung wenden.
Das Ehrenamt ist kein Grund, auf Hilfe zu verzichten.
Halten Reaktionen länger als drei Tage an, holen Sie die Einsatznachsorge dazu. Bestehen sie länger als vier Wochen, ist professionelle Hilfe angezeigt. Welche Zeichen Sie ernst nehmen sollten, lesen Sie im Artikel PTBS-Warnzeichen.
Was Sie selbst tun können
Eine kurze Routine für den Weg vom Einsatz nach Hause hilft. Sie muss nicht lang sein.
- Bleiben Sie nach dem Einsatz noch ein paar Minuten am Gerätehaus. Wechseln Sie ein paar Sätze mit den anderen. Auch ein „War heftig heute“ zählt.
- Lösen Sie die Spannung im Körper, bevor Sie losfahren. Die Kurzform der progressiven Muskelentspannung dauert gut eine Minute.
- Sagen Sie zu Hause kurz Bescheid, dass es ein schwerer Einsatz war. Details müssen Sie nicht erzählen.
- Speichern Sie Namen und Nummer Ihres PSNV-E-Teams im Handy. Fragen Sie Ihre Wehrführung, wer zuständig ist.
- Nehmen Sie Veränderungen an sich ernst. Schlafprobleme oder Erschöpfung sind nach schweren Einsätzen zunächst normal. Bleiben sie, holen Sie sich Unterstützung.
Wenn Sie eine Wehr führen
Führungskräfte haben laut Münchener Studie eine Schlüsselrolle. Ihr Umgang mit Belastung prägt die ganze Wehr. Die Forscher empfehlen unter anderem:
- Nehmen Sie etwa vier Wochen nach einem belastenden Einsatz erneut Kontakt zu Ihren Leuten auf.
- Machen Sie Belastung regelmäßig zum Thema. Auch ohne aktuellen Anlass. Zum Beispiel einmal im Jahr als psychosoziale Übung.
- Achten Sie auch auf sich selbst. Führungskräfte ohne direkten Bezug zur Mannschaft hatten in der Studie ein höheres Risiko.
Ehrenamt mit Rückhalt
Freiwillige stehen an denselben Einsatzstellen wie Berufsfeuerwehrleute. Sie verdienen danach denselben Rückhalt. Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Sie schwankt auch mit der Tagesform.
Stresshacking setzt genau hier an. Es ergänzt PSNV und Einsatznachsorge, ersetzt sie aber nicht. Wie Sie den Übergang vom Einsatz nach Hause bewusst gestalten, lesen Sie im Artikel Abschalten nach dem Einsatz.
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