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Stress abbauen im Schichtdienst: was Bewegung und Ernährung leisten

Mehr Supervision. Mehr Psychologinnen und Psychologen. Mehr Fortbildung. Das wäre die naheliegende Antwort auf Belastung im Rettungsdienst. In einer bundesweiten Befragung hielten viele Rettungskräfte aber etwas anderes für besonders hilfreich: Bewegung und frisches Essen. Hier lesen Sie, was die Studie zeigt und wie Sie Stress im Schichtdienst abbauen können.

Thorsten Springauf · Lesezeit 6 Minuten

Eine Einsatzkraft und ein Kollege essen nachts in der Küche der Wache gemeinsam Gemüsesuppe und Vollkornbrot. Auf dem Tisch stehen Obst und Wasser (KI-Bild)

Was die EMS Health-Studie gefragt hat

Stress abbauen im Schichtdienst ist leichter gesagt als getan. Zwischen zwei Alarmen bleibt oft wenig Zeit. Was Rettungskräfte dafür selbst brauchen, hat die EMS Health-Studie 2023 erfragt.

Ein Team um Stefanie Pecha und Simone Jacobs hat Rettungskräfte aus ganz Deutschland online befragt (Pecha et al. 2025). Die Befragung lief vom 31. Oktober 2023 bis zum 1. Januar 2024. Auswertbar waren 1.171 Fragebögen aus allen 16 Bundesländern.

Rund 71 Prozent empfanden ihre Arbeitsbedingungen oder Arbeitsinhalte als belastend. Diese 834 Personen sollten 13 Maßnahmen bewerten. Die Frage lautete: „Wie sehr wären aus Ihrer Sicht die nachfolgenden Maßnahmen geeignet, die Belastungssituation an Ihrem Arbeitsplatz zu verbessern?“

Als „sehr gut geeignet“ bewerteten:

  • betriebliche Bewegungsangebote: 39,8 Prozent
  • ein größeres Angebot frischer Speisen: 39,8 Prozent
  • besserer Informationsfluss und transparente Entscheidungen: 38,6 Prozent
  • Supervisionsangebote: 32,4 Prozent
  • mehr Unterstützung durch Vorgesetzte: 31,3 Prozent

Bewegung und frisches Essen lagen damit knapp vorn. Von denselben 834 Befragten empfanden 39,6 Prozent fehlende Bewegungsangebote als hohe oder sehr hohe Belastung. Beim Verpflegungsangebot waren es 35 Prozent.

Was die Studie nicht zeigt

Schlagen Bewegung und Essen also Supervision? So einfach ist es nicht. Dafür gibt es vier Gründe.

  1. Die Befragten haben eingeschätzt, was helfen würde. Gemessen wurde die Wirkung nicht.
  2. Die Abstände sind klein. Rechnet man „gut geeignet“ hinzu, führt der Informationsfluss mit fast 79 Prozent. Supervision hielten fast zwei Drittel für gut oder sehr gut geeignet.
  3. Es war eine einmalige Befragung mit Selbstauskunft. Ursache und Wirkung lassen sich daraus laut den Autorinnen und Autoren nicht ableiten.
  4. Befragt wurden nur Rettungskräfte. Ob die Ergebnisse für Brandschutz und Polizei gelten, bleibt offen.

Die Studie zeigt Wünsche und Lücken. Ein Ranking der Wirksamkeit ist sie nicht. Supervision, Peers und die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) haben ihren eigenen Platz. Vor allem nach belastenden Einsätzen. Auch dort fand die Studie Lücken. Nur 54 Prozent aller Befragten berichteten von Vorkehrungen für zeitnahe professionelle Hilfe nach traumatischen Einsätzen.

Bewegung gegen Stress: warum der Körper mitspielt

Stress ist eine körperliche Reaktion. Unser Nervensystem stellt Energie für Kampf oder Flucht bereit. Im Einsatz kämpfen wir aber selten körperlich. Und wir rennen nicht weg. Die mobilisierte Energie bleibt oft im Körper. Bewegung setzt sie vereinfacht gesagt in das um, wofür sie gedacht war. Mehr dazu lesen Sie im Artikel über Kampf, Flucht und Erstarrung.

Dass regelmäßige Bewegung die Stressreaktion dämpfen kann, zeigt eine randomisierte Studie (Klaperski et al. 2014). Dafür wurden 149 gesunde Männer per Los auf drei Gruppen verteilt: Ausdauertraining, Entspannungstraining oder Warteliste. Vor und nach zwölf Wochen kamen sie in einen standardisierten Stresstest. Am Ende lagen Daten von 96 Männern vor.

Nach dem Ausdauertraining stiegen Cortisol und Puls im Stresstest weniger stark an. Auch die Herzratenvariabilität sank im Test weniger stark ab. Das Entspannungstraining dämpfte nur den Cortisolanstieg. In der Wartegruppe änderte sich nichts.

Eine große Übersichtsarbeit bestätigt die Richtung (Singh et al. 2023). Sie hat 97 Übersichtsarbeiten mit mehr als 128.000 Teilnehmenden ausgewertet. Bewegung linderte Symptome von Depression, Angst und psychischer Belastung. Die Effekte waren im Mittel mittelgroß. Die Autorinnen und Autoren weisen aber darauf hin, dass viele der einbezogenen Arbeiten methodisch schwach waren.

Bewegung und Schlaf hängen zusammen

Für uns im Schichtdienst zählt noch etwas: der Schlaf. Eine Meta-Analyse von Kredlow und Kollegen (2015) hat 66 Studien ausgewertet. Regelmäßige Bewegung verbesserte die Schlafqualität im Mittel moderat. Auch das Einschlafen ging etwas schneller. Wer sich bewegt, schläft im Schnitt etwas besser. Mehr zum Schlaf zwischen zwei Alarmen lesen Sie im Artikel Schlaf im Bereitschaftsdienst.

Sport gegen Stress auf der Wache

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen pro Woche 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung. Oder 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung. Dazu kommt Krafttraining an zwei oder mehr Tagen. Die gute Nachricht: Laut WHO ist etwas Bewegung besser als keine.

Ein paar Ideen für Wache und Bereitschaft:

  • Gehen Sie nach dem Essen zehn Minuten um die Wache.
  • Nehmen Sie die Treppe statt des Aufzugs.
  • Machen Sie Kniebeugen, Liegestütze oder Rumpfübungen in kurzen Sätzen.
  • Verabreden Sie sich im Team zu festen Bewegungszeiten.
  • Wählen Sie im Dienst Übungen, die Sie bei Alarm sofort abbrechen können.

Trainieren Sie im Dienst nicht bis zur Erschöpfung. Der nächste Einsatz braucht Ihre Kraft. Gibt es auf Ihrer Wache Sportgeräte, nutzen Sie sie. Gibt es keine, reicht das eigene Körpergewicht. Fehlt Ihnen ein Angebot, sprechen Sie es bei Wachleitung oder Personalvertretung an. Die EMS Health-Studie zeigt: Damit sind Sie nicht allein.

Ernährung im Schichtdienst: was die DGE empfiehlt

Nachts fährt unser Körper viele Funktionen herunter. Auch die Verdauung. In ihrem Ratgeber zu Nacht- und Schichtarbeit rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) deshalb, in Spät- und Nachtschicht leicht zu essen. Für die Nachtschicht empfiehlt sie:

  1. Vor Dienstbeginn ein ausgewogenes Abendessen.
  2. Gegen Mitternacht einen leichten Snack. Zum Beispiel eine Gemüsesuppe, ein Sandwich oder einen Wrap.
  3. In der zweiten Nachthälfte nichts oder nur einen kleinen Snack.
  4. Nach der Schicht ein Frühstück. Dann weckt Sie der Hunger nicht so leicht aus dem Schlaf.

Für jede Schicht gilt laut DGE: Behalten Sie Ihren Mahlzeitenrhythmus möglichst bei. Essen Sie mindestens eine Mahlzeit gemeinsam. Trinken Sie höchstens drei kleine Tassen Kaffee, Schwarz- oder Grüntee am Tag. Vier Stunden vor dem Schlafen möglichst kein Koffein mehr. Gibt es keine gute Verpflegung vor Ort, bereiten Sie Mahlzeiten zu Hause vor.

Kleine bekömmliche Mahlzeiten beugen laut DGE Leistungseinbrüchen vor. Üppige und schwer verdauliche Mahlzeiten belasten den Magen-Darm-Trakt stärker. Viele kennen das Tief nach einem schweren Mittagessen.

Ernährung bei Stress: was Studien zur Nachtschicht zeigen

Eine Studie aus Australien hat das Essen in der Nacht im Labor getestet (Gupta et al. 2019). Dafür absolvierten 39 Teilnehmende vier simulierte Nachtschichten. Um 0:30 Uhr aß eine Gruppe eine Mahlzeit. Eine zweite Gruppe aß nur einen Snack. Die dritte aß nachts nichts. Um 4 Uhr fuhr die Snack-Gruppe im Fahrsimulator am sichersten. Sie reagierte auch in Tests schneller. Die Gruppe mit Mahlzeit fühlte sich am schläfrigsten.

Eine zweite Laborstudie aus den USA hat die Stimmung untersucht (Qian et al. 2022). Dafür simulierten 19 gesunde Erwachsene Nachtarbeit in einem Protokoll über 14 Tage. Eine Gruppe aß tagsüber und nachts. Die andere aß nur tagsüber. Bei nächtlichem Essen stiegen depressionsähnliche Stimmungswerte um rund 26 Prozent. Angstähnliche Werte stiegen um rund 16 Prozent. In der Gruppe mit Essen nur am Tag blieb dieser Anstieg aus.

Beide Studien waren klein und fanden im Labor statt. Sie zeigen eine Richtung und keine fertige Regel für den Wachalltag. Nachts hungern muss niemand. Ein kleiner Snack statt einer großen Mahlzeit passt aber zu den Ergebnissen aus Australien und zur DGE.

Für die Wache heißt das: Packen Sie die Nachtverpflegung zu Hause. Die DGE nennt etwa Joghurt mit Beeren, Müsli mit Nüssen und Obst oder einen Gemüse-Wrap. Und stellen Sie Wasser griffbereit. Warum das im Einsatz zählt, lesen Sie im Artikel Dehydration im Einsatz.

Stress abbauen: Körper und Kopf gehören zusammen

Bewegung und gutes Essen sind keine Wundermittel. Sie ersetzen keine Supervision, keine Einsatznachsorge und keine Therapie. Sie sind aber ein Teil der Grundlage, den wir selbst in der Hand haben.

Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Und sie schwankt mit der Tagesform. Wie das zusammenhängt, lesen Sie im Artikel über Resilienz und Tagesform.

Wissen allein macht keinen Unterschied. Angewandtes Wissen schon.

Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.

Häufige Fragen

Wie kann ich im Schichtdienst Stress abbauen?

Regelmäßige Bewegung und leichte Mahlzeiten in der Nacht sind wichtige Bausteine. Dazu kommt guter Schlaf. Nach belastenden Einsätzen sind Peers, Einsatznachsorge und PSNV die richtigen Ansprechpartner.

Hilft Sport gegen Stress?

Die Studienlage spricht dafür. In einer randomisierten Studie fiel die körperliche Stressreaktion nach zwölf Wochen Ausdauertraining schwächer aus. Eine große Übersichtsarbeit fand mittelgroße Effekte auf Angst und psychische Belastung. Sport ersetzt aber keine Behandlung.

Was sollte ich in der Nachtschicht essen?

Die DGE empfiehlt vor der Schicht ein ausgewogenes Abendessen. Gegen Mitternacht passt ein leichter Snack wie Gemüsesuppe oder ein Wrap. In der zweiten Nachthälfte essen Sie besser nichts oder nur wenig. Nach der Schicht hilft ein Frühstück gegen Hunger im Schlaf.

Was hat die EMS Health-Studie 2023 gezeigt?

In der Studie bewerteten 834 Rettungskräfte mit Belastung 13 Maßnahmen. Bewegungsangebote und frische Speisen hielten je 39,8 Prozent für sehr gut geeignet. Supervision lag bei 32,4 Prozent. Die Studie misst Einschätzungen und keine Wirkung.

Ersetzen Bewegung und Ernährung Supervision oder PSNV?

Nein. Bewegung und Ernährung stärken die Grundlage im Alltag. Nach belastenden Einsätzen sind Supervision, Peers und PSNV wichtige Hilfen. Beides ergänzt sich.

Selbstmanagement und Stressregulation ersetzen keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung. Nach belastenden Einsätzen wenden Sie sich an die PSNV- oder PSU-Angebote Ihrer Organisation. In einer akuten Krise bekommen Sie Tag und Nacht kostenfrei Hilfe bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen Sie unter 116 117. Im Notfall wählen Sie die 112.

Quellen

  1. Pecha, S., Hofmann, T., Möckel, L. & Jacobs, S. (2025): Subjektiv wahrgenommene Belastung von Mitarbeitenden des deutschen Rettungsdienstes. Ergebnisse der EMS Health Studie 2023. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, 76 (2026), 1-12. Online publiziert am 19.02.2025, Open Access. https://doi.org/10.1007/s40664-025-00573-4. Genutzt: Onlinebefragung 31.10.2023 bis 01.01.2024, 1.171 auswertbare Fragebögen aus 16 Bundesländern, 71,2 % (n = 834) mit Belastung, Wortlaut der Maßnahmenfrage, 13 Items, Abb. 3 (sehr gut geeignet: Bewegungsangebote 39,8 %, frische Speisen 39,8 %, Informationsfluss 38,6 %, Supervision 32,4 %, Vorgesetzte 31,3 %; gut geeignet: Informationsfluss 40,0 %, Supervision 32,0 %), Belastung durch mangelnde Bewegungsangebote 39,6 % und Verpflegung 35,0 %, Vorkehrungen nach traumatischen Einsätzen 54,3 %, Limitationen (Selbstauskunft, Querschnitt, keine Angabe der Institution, Healthy-Worker-Effekt).
  2. Klaperski, S., von Dawans, B., Heinrichs, M. & Fuchs, R. (2014): Effects of a 12-week endurance training program on the physiological response to psychosocial stress in men: a randomized controlled trial. Journal of Behavioral Medicine, 37(6), 1118-1133. https://doi.org/10.1007/s10865-014-9562-9
  3. Singh, B., Olds, T., Curtis, R., Dumuid, D., Virgara, R., Watson, A., Szeto, K., O'Connor, E., Ferguson, T., Eglitis, E., Miatke, A., Simpson, C. E. & Maher, C. (2023): Effectiveness of physical activity interventions for improving depression, anxiety and distress: an overview of systematic reviews. British Journal of Sports Medicine, 57(18), 1203-1209. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-106195. Genutzt: 97 Reviews, 1.039 Studien, 128.119 Teilnehmende, mittlere Effekte, 77 Reviews mit kritisch niedriger Qualitätsbewertung (AMSTAR).
  4. Kredlow, M. A., Capozzoli, M. C., Hearon, B. A., Calkins, A. W. & Otto, M. W. (2015): The effects of physical activity on sleep: a meta-analytic review. Journal of Behavioral Medicine, 38(3), 427-449. https://doi.org/10.1007/s10865-015-9617-6
  5. Bull, F. C., Al-Ansari, S. S., Biddle, S. et al. (2020): World Health Organization 2020 guidelines on physical activity and sedentary behaviour. British Journal of Sports Medicine, 54(24), 1451-1462. https://doi.org/10.1136/bjsports-2020-102955. Genutzt: 150 bis 300 Minuten moderat oder 75 bis 150 Minuten intensiv pro Woche, Krafttraining an 2 oder mehr Tagen, etwas Bewegung ist besser als keine.
  6. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (o. J., PDF-Stand November 2023): Essen, wenn andere schlafen. Praktische Ernährungsempfehlungen bei Nacht- und Schichtarbeit. Bonn: DGE, IN FORM in der Gemeinschaftsverpflegung (JOB&FIT). Abgerufen am 19.10.2026. Genutzt: S. 2 (leichte Mahlzeiten in Spät- und Nachtschicht), S. 6 (kleine bekömmliche Mahlzeiten, Snack-Beispiele), S. 7 (Nachtschicht), S. 8 (Tipps für die Schicht, Koffein, Mahlzeiten in Gemeinschaft, vorbereiten und mitnehmen). https://www.jobundfit.de/fileadmin/user_upload/medien/EssenWennAndereSchlafen.pdf
  7. Gupta, C. C., Centofanti, S., Dorrian, J., Coates, A., Stepien, J. M., Kennaway, D., Wittert, G., Heilbronn, L., Catcheside, P., Noakes, M., Coro, D., Chandrakumar, D. & Banks, S. (2019): Altering meal timing to improve cognitive performance during simulated nightshifts. Chronobiology International, 36(12), 1691-1713. https://doi.org/10.1080/07420528.2019.1676256
  8. Qian, J., Vujovic, N., Nguyen, H., Rahman, N., Heng, S. W., Amira, S., Scheer, F. A. J. L. & Chellappa, S. L. (2022): Daytime eating prevents mood vulnerability in night work. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(38), e2206348119. https://doi.org/10.1073/pnas.2206348119. Genutzt: 19 Teilnehmende (12 Männer, 7 Frauen), 14-tägiges Laborprotokoll, Anstieg depressionsähnlicher Werte um 26,2 % und angstähnlicher Werte um 16,1 % bei Essen auch in der Nacht.

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