Was die EMS Health-Studie gefragt hat
Stress abbauen im Schichtdienst ist leichter gesagt als getan. Zwischen zwei Alarmen bleibt oft wenig Zeit. Was Rettungskräfte dafür selbst brauchen, hat die EMS Health-Studie 2023 erfragt.
Ein Team um Stefanie Pecha und Simone Jacobs hat Rettungskräfte aus ganz Deutschland online befragt (Pecha et al. 2025). Die Befragung lief vom 31. Oktober 2023 bis zum 1. Januar 2024. Auswertbar waren 1.171 Fragebögen aus allen 16 Bundesländern.
Rund 71 Prozent empfanden ihre Arbeitsbedingungen oder Arbeitsinhalte als belastend. Diese 834 Personen sollten 13 Maßnahmen bewerten. Die Frage lautete: „Wie sehr wären aus Ihrer Sicht die nachfolgenden Maßnahmen geeignet, die Belastungssituation an Ihrem Arbeitsplatz zu verbessern?“
Als „sehr gut geeignet“ bewerteten:
- betriebliche Bewegungsangebote: 39,8 Prozent
- ein größeres Angebot frischer Speisen: 39,8 Prozent
- besserer Informationsfluss und transparente Entscheidungen: 38,6 Prozent
- Supervisionsangebote: 32,4 Prozent
- mehr Unterstützung durch Vorgesetzte: 31,3 Prozent
Bewegung und frisches Essen lagen damit knapp vorn. Von denselben 834 Befragten empfanden 39,6 Prozent fehlende Bewegungsangebote als hohe oder sehr hohe Belastung. Beim Verpflegungsangebot waren es 35 Prozent.
Was die Studie nicht zeigt
Schlagen Bewegung und Essen also Supervision? So einfach ist es nicht. Dafür gibt es vier Gründe.
- Die Befragten haben eingeschätzt, was helfen würde. Gemessen wurde die Wirkung nicht.
- Die Abstände sind klein. Rechnet man „gut geeignet“ hinzu, führt der Informationsfluss mit fast 79 Prozent. Supervision hielten fast zwei Drittel für gut oder sehr gut geeignet.
- Es war eine einmalige Befragung mit Selbstauskunft. Ursache und Wirkung lassen sich daraus laut den Autorinnen und Autoren nicht ableiten.
- Befragt wurden nur Rettungskräfte. Ob die Ergebnisse für Brandschutz und Polizei gelten, bleibt offen.
Die Studie zeigt Wünsche und Lücken. Ein Ranking der Wirksamkeit ist sie nicht. Supervision, Peers und die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) haben ihren eigenen Platz. Vor allem nach belastenden Einsätzen. Auch dort fand die Studie Lücken. Nur 54 Prozent aller Befragten berichteten von Vorkehrungen für zeitnahe professionelle Hilfe nach traumatischen Einsätzen.
Bewegung gegen Stress: warum der Körper mitspielt
Stress ist eine körperliche Reaktion. Unser Nervensystem stellt Energie für Kampf oder Flucht bereit. Im Einsatz kämpfen wir aber selten körperlich. Und wir rennen nicht weg. Die mobilisierte Energie bleibt oft im Körper. Bewegung setzt sie vereinfacht gesagt in das um, wofür sie gedacht war. Mehr dazu lesen Sie im Artikel über Kampf, Flucht und Erstarrung.
Dass regelmäßige Bewegung die Stressreaktion dämpfen kann, zeigt eine randomisierte Studie (Klaperski et al. 2014). Dafür wurden 149 gesunde Männer per Los auf drei Gruppen verteilt: Ausdauertraining, Entspannungstraining oder Warteliste. Vor und nach zwölf Wochen kamen sie in einen standardisierten Stresstest. Am Ende lagen Daten von 96 Männern vor.
Nach dem Ausdauertraining stiegen Cortisol und Puls im Stresstest weniger stark an. Auch die Herzratenvariabilität sank im Test weniger stark ab. Das Entspannungstraining dämpfte nur den Cortisolanstieg. In der Wartegruppe änderte sich nichts.
Eine große Übersichtsarbeit bestätigt die Richtung (Singh et al. 2023). Sie hat 97 Übersichtsarbeiten mit mehr als 128.000 Teilnehmenden ausgewertet. Bewegung linderte Symptome von Depression, Angst und psychischer Belastung. Die Effekte waren im Mittel mittelgroß. Die Autorinnen und Autoren weisen aber darauf hin, dass viele der einbezogenen Arbeiten methodisch schwach waren.
Bewegung und Schlaf hängen zusammen
Für uns im Schichtdienst zählt noch etwas: der Schlaf. Eine Meta-Analyse von Kredlow und Kollegen (2015) hat 66 Studien ausgewertet. Regelmäßige Bewegung verbesserte die Schlafqualität im Mittel moderat. Auch das Einschlafen ging etwas schneller. Wer sich bewegt, schläft im Schnitt etwas besser. Mehr zum Schlaf zwischen zwei Alarmen lesen Sie im Artikel Schlaf im Bereitschaftsdienst.
Sport gegen Stress auf der Wache
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen pro Woche 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung. Oder 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung. Dazu kommt Krafttraining an zwei oder mehr Tagen. Die gute Nachricht: Laut WHO ist etwas Bewegung besser als keine.
Ein paar Ideen für Wache und Bereitschaft:
- Gehen Sie nach dem Essen zehn Minuten um die Wache.
- Nehmen Sie die Treppe statt des Aufzugs.
- Machen Sie Kniebeugen, Liegestütze oder Rumpfübungen in kurzen Sätzen.
- Verabreden Sie sich im Team zu festen Bewegungszeiten.
- Wählen Sie im Dienst Übungen, die Sie bei Alarm sofort abbrechen können.
Trainieren Sie im Dienst nicht bis zur Erschöpfung. Der nächste Einsatz braucht Ihre Kraft. Gibt es auf Ihrer Wache Sportgeräte, nutzen Sie sie. Gibt es keine, reicht das eigene Körpergewicht. Fehlt Ihnen ein Angebot, sprechen Sie es bei Wachleitung oder Personalvertretung an. Die EMS Health-Studie zeigt: Damit sind Sie nicht allein.
Ernährung im Schichtdienst: was die DGE empfiehlt
Nachts fährt unser Körper viele Funktionen herunter. Auch die Verdauung. In ihrem Ratgeber zu Nacht- und Schichtarbeit rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) deshalb, in Spät- und Nachtschicht leicht zu essen. Für die Nachtschicht empfiehlt sie:
- Vor Dienstbeginn ein ausgewogenes Abendessen.
- Gegen Mitternacht einen leichten Snack. Zum Beispiel eine Gemüsesuppe, ein Sandwich oder einen Wrap.
- In der zweiten Nachthälfte nichts oder nur einen kleinen Snack.
- Nach der Schicht ein Frühstück. Dann weckt Sie der Hunger nicht so leicht aus dem Schlaf.
Für jede Schicht gilt laut DGE: Behalten Sie Ihren Mahlzeitenrhythmus möglichst bei. Essen Sie mindestens eine Mahlzeit gemeinsam. Trinken Sie höchstens drei kleine Tassen Kaffee, Schwarz- oder Grüntee am Tag. Vier Stunden vor dem Schlafen möglichst kein Koffein mehr. Gibt es keine gute Verpflegung vor Ort, bereiten Sie Mahlzeiten zu Hause vor.
Kleine bekömmliche Mahlzeiten beugen laut DGE Leistungseinbrüchen vor. Üppige und schwer verdauliche Mahlzeiten belasten den Magen-Darm-Trakt stärker. Viele kennen das Tief nach einem schweren Mittagessen.
Ernährung bei Stress: was Studien zur Nachtschicht zeigen
Eine Studie aus Australien hat das Essen in der Nacht im Labor getestet (Gupta et al. 2019). Dafür absolvierten 39 Teilnehmende vier simulierte Nachtschichten. Um 0:30 Uhr aß eine Gruppe eine Mahlzeit. Eine zweite Gruppe aß nur einen Snack. Die dritte aß nachts nichts. Um 4 Uhr fuhr die Snack-Gruppe im Fahrsimulator am sichersten. Sie reagierte auch in Tests schneller. Die Gruppe mit Mahlzeit fühlte sich am schläfrigsten.
Eine zweite Laborstudie aus den USA hat die Stimmung untersucht (Qian et al. 2022). Dafür simulierten 19 gesunde Erwachsene Nachtarbeit in einem Protokoll über 14 Tage. Eine Gruppe aß tagsüber und nachts. Die andere aß nur tagsüber. Bei nächtlichem Essen stiegen depressionsähnliche Stimmungswerte um rund 26 Prozent. Angstähnliche Werte stiegen um rund 16 Prozent. In der Gruppe mit Essen nur am Tag blieb dieser Anstieg aus.
Beide Studien waren klein und fanden im Labor statt. Sie zeigen eine Richtung und keine fertige Regel für den Wachalltag. Nachts hungern muss niemand. Ein kleiner Snack statt einer großen Mahlzeit passt aber zu den Ergebnissen aus Australien und zur DGE.
Für die Wache heißt das: Packen Sie die Nachtverpflegung zu Hause. Die DGE nennt etwa Joghurt mit Beeren, Müsli mit Nüssen und Obst oder einen Gemüse-Wrap. Und stellen Sie Wasser griffbereit. Warum das im Einsatz zählt, lesen Sie im Artikel Dehydration im Einsatz.
Stress abbauen: Körper und Kopf gehören zusammen
Bewegung und gutes Essen sind keine Wundermittel. Sie ersetzen keine Supervision, keine Einsatznachsorge und keine Therapie. Sie sind aber ein Teil der Grundlage, den wir selbst in der Hand haben.
Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln. Und sie schwankt mit der Tagesform. Wie das zusammenhängt, lesen Sie im Artikel über Resilienz und Tagesform.
Wissen allein macht keinen Unterschied. Angewandtes Wissen schon.
Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.