Warum wir im Einsatz zu wenig trinken
Dehydration heißt Flüssigkeitsmangel. Der Körper verliert mehr Wasser, als er aufnimmt. Oft hört man auch das Wort Dehydrierung. Im Einsatzdienst ist das kein Randthema. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) schreibt für die Feuerwehr: „In der Regel wird bei allen Tätigkeiten ein Flüssigkeitsverlust auftreten.“
Die Gründe kennen wir alle:
- Unter Atemschutz können wir nicht trinken.
- Schutzkleidung für den Innenangriff isoliert. Bei warmem Wetter schwitzen wir darin laut DGUV massiv.
- Im Rettungsdienst und bei der Polizei arbeiten wir im Sommer oft in der prallen Sonne. Mit Weste, Handschuhen und ohne Schatten.
- Lange Lagen lassen kaum Pausen. Die Flasche liegt dann im Fahrzeug.
Dazu kommt: Leichter Flüssigkeitsmangel fällt oft gar nicht auf. Darauf weist das Gesundheitsportal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hin. Im Einsatz sind wir auf die Lage konzentriert. Für den eigenen Körper bleibt wenig Aufmerksamkeit.
Was leichte Dehydration mit Kopf und Stress macht
Ein Forschungsteam um Matthew Ganio hat 26 junge Männer untersucht (2011). Sie verloren durch Gehen auf dem Laufband und teils mit einem entwässernden Medikament im Schnitt rund 1,6 Prozent ihres Körpergewichts. Verglichen wurde mit einem Durchgang, in dem sie genug tranken. Mit dem Flüssigkeitsverlust machten die Männer in einem Aufmerksamkeitstest mehr Fehler. Ihr Arbeitsgedächtnis reagierte langsamer. Und sie fühlten sich müder und angespannter.
Bei 25 jungen Frauen fand dasselbe Team ein ähnliches Bild (Armstrong et al. 2012). Hier lag der Verlust bei rund 1,4 Prozent. Die Frauen hatten schlechtere Laune und öfter Kopfschmerzen. Sie konnten sich nach eigener Angabe schlechter konzentrieren. Aufgaben fühlten sich schwerer an. Die meisten Testleistungen blieben allerdings stabil.
Wie groß ist der Effekt insgesamt? Eine Meta-Analyse von Wittbrodt und Millard-Stafford (2018) hat 33 Studien ausgewertet. Betroffen waren vor allem Aufmerksamkeit, Handlungssteuerung und Koordination. Deutlicher wurden die Effekte ab 2 Prozent Verlust. Darunter waren sie klein und unsicher. Reine Tests der Reaktionszeit veränderten sich kaum.
Zur Einordnung: 2 Prozent sind bei 80 Kilogramm 1,6 Kilogramm. Das entspricht grob 1,6 Litern Flüssigkeit. Der Deutsche Feuerwehrverband schreibt dazu: Ein anstrengender Einsatz in mehrlagiger Schutzkleidung führt schnell zu extremem Flüssigkeitsverlust.
Und der Stress? Eine kleine Studie aus Liverpool (Kashi et al. 2025) hat Menschen verglichen, die gewohnheitsmäßig wenig oder viel trinken. Je 16 Personen absolvierten einen standardisierten Stresstest. Nur in der Gruppe mit wenig Flüssigkeit stieg das Stresshormon Cortisol danach deutlich an. Puls und Anspannung stiegen in beiden Gruppen ähnlich. Finanziert hat die Studie die Forschungsabteilung eines Lebensmittelkonzerns, der auch Mineralwasser verkauft. Sie ist ein Hinweis und kein Beweis. Wie stark der Effekt im Einsatz ist, weiß bisher niemand.
Flüssigkeitsmangel: Symptome und Warnzeichen
Das IQWiG nennt neben Durst diese ersten Zeichen:
- trockener Mund
- Kopfschmerzen
- Konzentrationsprobleme
- Abgeschlagenheit und rasche Ermüdung
- weniger körperliche und geistige Leistungsfähigkeit
- seltener Harndrang sowie weniger und dunklerer Urin
Bei stärkerem Mangel kommen laut IQWiG unter anderem Schwindel beim Aufstehen, Herzrasen und Muskelkrämpfe dazu.
Ein einfacher Check ist der Blick in die Toilette. Hellgelber Urin spricht laut der Arbeitsgruppe Sporternährung der DGE für einen ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt. Dunkler Urin ist ein Grund nachzutrinken.
Achten Sie auch im Team aufeinander. Kopfschmerzen und schlechte Laune nach einem langen Einsatz haben nicht immer mit der Lage zu tun. Manchmal fehlt einfach Wasser. Welche Signale der Körper bei Stress sendet, lesen Sie im Artikel Stresssymptome und Körpersignale.
Wie viel trinken am Tag? Was die DGE empfiehlt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen rund 1,5 Liter Getränke am Tag. Für Erwachsene von 25 bis unter 51 Jahren nennt sie als Richtwert 1.410 Milliliter aus Getränken. Weiteres Wasser kommt aus dem Essen und aus dem Stoffwechsel. Insgesamt sind es 2.600 Milliliter am Tag.
Diese Werte gelten für durchschnittliche Bedingungen. Bei Hitze und schwerer körperlicher Arbeit steigt der Bedarf. Das schreibt die DGE ausdrücklich.
Für Einsätze bei Hitze gibt es konkretere Zahlen. Der damalige Bundesfeuerwehrarzt Klaus Friedrich nannte 2022 etwa drei Liter am Tag. Nach einem Einsatz unter Atemschutz oder im Chemikalienschutzanzug kommen weitere 1,5 Liter dazu. Für Vegetationsbrände nennt die DGUV als Faustformel mindestens 2 bis 3 Liter je Arbeitsschicht. Oft braucht es sogar bis etwa einen Liter pro Stunde.
Was gehört ins Glas? Die besten Durstlöscher sind laut DGE Leitungs- und Mineralwasser sowie ungesüßte Tees. Ungesüßter Kaffee zählt mit. Allerdings nur in Maßen. Zuckergesüßte und alkoholische Getränke empfiehlt die DGE nicht.
Trinken bei Hitze: Routinen vor, im und nach dem Einsatz
Durst ist ein gutes Signal. Die Arbeitsgruppe Sporternährung der DGE rät Sportlerinnen und Sportlern sogar ausdrücklich, auf ihren Durst zu hören. Im Einsatz liegt das Problem oft woanders: Wir können nicht trinken, wenn der Durst kommt. Deshalb braucht es Routinen. Der Bundesfeuerwehrarzt rät: vor, während und nach dem Einsatz trinken. In kleinen Portionen, aber kontinuierlich.
Vor dem Einsatz
- Starten Sie gut versorgt in den Dienst. Ein großes Glas Wasser zur Übergabe ist ein guter Anfang.
- Halten Sie Getränke im Fahrzeug bereit. Das empfiehlt auch der Bundesfeuerwehrarzt.
- Füllen Sie Ihre Flasche nach jedem Einsatz wieder auf.
Im Einsatz
- Nutzen Sie jede Pause für ein paar Schlucke. Auch am Atemschutz-Sammelplatz.
- Planen Sie bei Hitze früh eine Ablösung ein. Mehrere Atemschutzeinsätze hintereinander für dieselbe Person sollen laut Bundesfeuerwehrarzt vermieden werden.
- Hitze im Blick zu behalten ist laut Bundesfeuerwehrarzt auch eine Führungsaufgabe.
Nach dem Einsatz
- Trinken Sie nach einem Atemschutzeinsatz bewusst nach.
- Wiegen Sie sich vor und nach einer schweißtreibenden Übung. Jedes verlorene Kilogramm entspricht grob einem Liter Flüssigkeit. Für eine schnelle Rehydrierung nennt die DGE-Arbeitsgruppe etwa 1,5 Liter pro verlorenem Kilogramm.
- Bei mehr als anderthalb Stunden Belastung rät die DGE-Arbeitsgruppe zu Getränken mit Natrium und Kohlenhydraten. Auch die DGUV nennt für die Feuerwehr ausdrücklich Elektrolytersatz.
Mehr hilft dabei nicht unbegrenzt. Wer unter Belastung weit mehr trinkt als nötig, riskiert laut DGE-Arbeitsgruppe eine Hyponatriämie. Das ist ein gefährlicher Mangel an Natrium im Blut.
Hitzestress: wann es ein Notfall ist
Bei Hitzestress kommen zwei Dinge zusammen. Wir verlieren viel Wasser. Und die Wärme staut sich im Körper. Die DGUV nennt als mögliche Folgen Hitzekrampf, Hitzeerschöpfung und Hitzschlag.
Bei einer Hitzeerschöpfung sind laut Erste-Hilfe-Karte der DGUV Kopfschmerzen und starkes Schwitzen typisch. Dazu kommen blasse Haut und ein schneller Puls. Der Blutdruck kann abfallen. Beim Hitzschlag ist die Haut heiß und rot. Betroffene taumeln, sind verwirrt oder werden bewusstlos.
Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen oder Krampfanfälle sind ein Notfall. Wählen Sie die 112 oder alarmieren Sie den Rettungsdienst nach. Bringen Sie die Person in den Schatten. Öffnen Sie schwere Kleidung und kühlen Sie mit feuchten Tüchern. Ist die Person bei Bewusstsein, geben Sie ihr zu trinken. Der Bundesfeuerwehrarzt sagt es deutlich: Im Zweifel den Rettungsdienst nachalarmieren. Das gilt auch, wenn es uns selbst betrifft.
Manche von uns sind bei Hitze stärker gefährdet. Die DGUV nennt zum Beispiel akuten Durchfall oder Fieber. Auch bestimmte Medikamente können eine Rolle spielen. Etwa Entwässerungstabletten oder blutdrucksenkende Mittel. Klären Sie das bei Bedarf mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder dem Betriebsarzt.
Trinken ist Einsatzvorbereitung
Vor Dienstbeginn prüfen wir Fahrzeug, Geräte und Atemschutz. Die eigene Flasche gehört genauso dazu. Trinken ist kein Wellness-Thema. Es ist Einsatzvorbereitung.
Flüssigkeitsmangel kann uns Aufmerksamkeit und Gelassenheit kosten. Mehr zur Stressreaktion lesen Sie im Artikel über Kampf, Flucht und Erstarrung. Was Bewegung und Essen im Schichtdienst beitragen, steht im Artikel Bewegung und Ernährung im Schichtdienst.
Wissen allein macht keinen Unterschied. Angewandtes Wissen schon.
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