Im Einsatz überhören wir den Körper. Das rettet Leben.
Wenn der Melder geht, zählt die Lage. Der Hunger wartet. Der Durst wartet. Der Schmerz im Knie auch. Stresssymptome und andere Körpersignale stellen wir hinten an. Wir arbeiten weiter, bis die Lage abgearbeitet ist.
Das ist kein Fehler. Es gehört zu unserem Beruf. Im Einsatz ignorieren wir unsere Körpersignale. Das rettet Leben.
Das Problem beginnt danach. Viele von uns können nach dem Einsatz nicht mehr damit aufhören. Wir überhören die Signale auch auf der Wache, zu Hause und im Urlaub. Auf Dauer kostet uns das die Gesundheit.
Warum wir Signale so gut wegdrücken können
Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist Biologie. Unter akutem Stress dämpft unser Nervensystem das Schmerzempfinden. Fachleute nennen das stressinduzierte Analgesie. Ein Forschungsteam aus Irland beschreibt in einer Übersichtsarbeit, wie dabei schmerzhemmende Bahnen im Nervensystem aktiv werden. Beteiligt sind unter anderem körpereigene Opioide.
Der zweite Grund ist Übung. Wir lernen, im Einsatz durchzuhalten. Das ist richtig und wichtig. Nur legen wir diese Haltung nach dem Einsatz oft nicht wieder ab. Was im Einsatz schützt, wird im Alltag zur Gewohnheit.
Den akuten Alarm im Körper beschreibt der Artikel über Kampf, Flucht und Erstarrung. Hier geht es um die Zeit danach.
Stresssymptome: so zeigt sich Stress
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont: Stress wirkt auf Psyche und Körper. Das Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums unterscheidet körperliche und psychische Anzeichen. Für den Überblick trennen wir die psychischen hier noch in Gedanken und Gefühle.
Körperliche Stresssymptome
- schneller Atem und schwitzende Hände
- Verspannungen und Kopfschmerzen
- Zähneknirschen
- Magenschmerzen und Verdauungsprobleme
- Hautprobleme
Gedankliche Stresssymptome
- Konzentrationsprobleme und mehr Fehler
- Schlafstörungen
- Der Blick fällt vor allem auf das Negative.
Emotionale Stresssymptome
- Reizbarkeit und Nervosität
- Missmut und Niedergeschlagenheit
Auch unser Verhalten kann sich ändern. Manche ziehen sich zurück. Andere greifen öfter zu Alkohol oder Medikamenten.
Keines dieser Zeichen ist für sich eine Diagnose. Jedes kann auch andere Ursachen haben. Wichtig ist das Muster. Und ob es bleibt.
Interozeption: unser Sinn für das Innere
Dass wir Körpersignale überhaupt wahrnehmen, verdanken wir der Interozeption. Gemeint ist die Wahrnehmung des eigenen Körperinneren. Der Neurowissenschaftler A. D. Craig beschreibt es so: Aus dem Körper spüren wir unser Wohlbefinden und unsere Energie. Genauso unseren Stress und unsere Stimmung.
Ein internationales Fachtreffen hat 2016 eine gemeinsame Beschreibung erarbeitet (Khalsa und Kollegen 2018). Danach nimmt das Nervensystem Signale aus dem Körperinneren auf. Es deutet sie und verknüpft sie miteinander. Das passiert bewusst und unbewusst. Gemeint sind zum Beispiel Herzschlag und Atem. Auch Hunger und Durst gehören dazu. Interozeption ist unser innerer Lagebericht.
Spannend für uns ist eine Studie aus San Diego. Das Team hat 46 Personen nach ihrer Resilienz in Gruppen eingeteilt. Dann mussten alle im Hirnscanner gegen einen Widerstand atmen. Die Gruppe mit niedriger Resilienz gab an, weniger auf Körpersignale zu achten. Ihr Gehirn reagierte aber stärker auf die Belastung. Die Forschenden vermuten: Dieses Missverhältnis erschwert die Anpassung unter Stress.
Die gute Nachricht: Körperwahrnehmung lässt sich üben. In einer kontrollierten Studie mit 281 US-Marines bekamen vier von acht Zügen ein achtwöchiges Achtsamkeitstraining. Ein Schwerpunkt war die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Nach einem harten Gefechtstraining kamen Puls und Atmung in dieser Gruppe schneller wieder herunter. Marines sind keine Einsatzkräfte wie wir. Die Richtung passt aber zu dem, was wir im Einsatzdienst brauchen. Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln.
Schlaf als Frühwarnsystem
„Schlafen Sie mal drüber.“ Diesen Rat kennt jeder von uns. Da ist etwas dran. Der Schlafforscher Matthew Walker und die Forscherin Els van der Helm haben 2009 ein Modell dazu vorgestellt. Danach verarbeitet das Gehirn im REM-Schlaf emotionale Erlebnisse neu. Die Erinnerung bleibt. Die emotionale Ladung soll schwächer werden. Die beiden nennen ihr Modell selbst eine Hypothese. Ganz geklärt ist es noch nicht.
Gestörter Schlaf ist deshalb mehr als lästig. Er kann ein Zeichen sein, dass die Verarbeitung stockt. Sven Steffes-Holländer beschreibt in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“ eine veränderte Schlafarchitektur als messbaren Marker für chronische Überaktivierung. Gemeint ist der Ablauf der Schlafphasen in der Nacht.
Achten Sie deshalb auf diese Zeichen:
- Sie schlafen schwer ein, obwohl Sie müde sind.
- Sie wachen nachts auf und finden nicht zurück in den Schlaf.
- Sie wachen morgens auf und sind nicht erholt.
- Albträume häufen sich.
Manches verschärfen wir selbst. Koffein blockiert die Andockstellen für Adenosin. Dieser körpereigene Stoff macht uns müde. Auch helles Bildschirmlicht am Abend stört. In einer Studie aus Boston lasen Teilnehmende vor dem Schlafen auf einem leuchtenden E-Reader. Sie brauchten länger zum Einschlafen als nach einem gedruckten Buch. Ihr Körper bildete weniger vom Schlafhormon Melatonin.
Wie Sie nach einem nächtlichen Alarm wieder in den Schlaf finden, lesen Sie im Artikel Schlaf im Bereitschaftsdienst.
Der Körper-Check nach dem Einsatz
Hochspannung im Einsatz kennen wir alle. Wie wir die Spannung danach wieder aus dem Nervensystem bekommen, fragt dagegen kaum jemand. Der erste Schritt ist, sie überhaupt zu bemerken. Dafür reicht ein kurzer Check. Gehen Sie in Gedanken einmal von oben nach unten durch:
- Kiefer: Pressen Sie die Zähne aufeinander? Lassen Sie den Unterkiefer locker.
- Schultern: Sind sie hochgezogen? Lassen Sie sie sinken.
- Atem: Atmen Sie flach in die Brust? Atmen Sie einmal langsam und lang aus.
- Bauch: Fühlt er sich hart oder flau an? Legen Sie kurz eine Hand darauf.
- Grundbedürfnisse: Haben Sie Hunger, Durst oder müssen Sie zur Toilette? Kümmern Sie sich jetzt darum.
Bewerten Sie nichts. Nehmen Sie nur wahr. Wahrnehmen ist der erste Schritt zum Loslassen.
Koppeln Sie den Check an eine feste Routine. Zum Beispiel an das Händewaschen nach dem Einsatz. Spüren Sie viel Spannung, hilft die Kurzform der progressiven Muskelentspannung. Sie dauert gut eine Minute.
Wann Sie Beschwerden ärztlich abklären lassen
Nicht jedes Symptom kommt vom Stress. Herzklopfen, Magenschmerzen oder Schlafprobleme können auch körperliche Ursachen haben. Gerade wir Einsatzkräfte reden eigene Beschwerden gern klein. Bei anderen erkennen wir den Notfall sofort. Bei uns selbst heißt es schnell: Das ist nur Stress.
Das Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums rät: Halten Stressphasen und Beschwerden lange an, holen Sie sich Hilfe. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind Ansprechpartner. Im Dienst kommt der betriebsärztliche Dienst dazu.
Bei manchen Zeichen warten Sie nicht. Die Deutsche Herzstiftung nennt als typisches Herzinfarkt-Zeichen starke Schmerzen im Brustkorb, die länger als fünf Minuten in Ruhe anhalten. Sie können in Arme und Rücken ausstrahlen. Oder in Hals, Kiefer und Oberbauch. Bei Frauen zeigt sich ein Infarkt oft anders. Etwa als Engegefühl mit Schmerzen in Rücken und Oberbauch. Dann gilt sofort die 112. Was wir im Dienst jedem raten, gilt auch für uns selbst.
Bleiben Niedergeschlagenheit oder Schlafprobleme über Wochen, holen Sie sich Unterstützung. Welche Zeichen nach belastenden Einsätzen wichtig sind, lesen Sie bei den PTBS-Warnzeichen.
Hinhören lässt sich üben
Im Einsatz brauchen wir die Fähigkeit, Signale wegzudrücken. Danach brauchen wir die Fähigkeit, sie wieder zu hören. Beides gehört zusammen. Wer seinen Körper kennt, bemerkt Stress früher.
Fangen Sie klein an. Ein Check nach jedem Einsatz. Ein ehrlicher Blick auf den Schlaf am Morgen. Wissen allein macht keinen Unterschied. Angewandtes Wissen schon.
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