Wenn die Berufstreue im Rettungsdienst sinkt
Die Berufstreue im Rettungsdienst sinkt. Nehmen wir das einfach hin? Und was hat das mit Burnout zu tun?
Eine bundesweite Befragung von 1.171 Rettungskräften zeigt ein deutliches Bild. Über 40 Prozent dachten über einen Ausstieg aus dem Rettungsdienst nach. Manche hatten schon konkrete Pläne oder erste Schritte unternommen. Als wichtigsten Grund nannten sie die Arbeitsbedingungen.
Das Wort Burnout fällt dabei oft. Was genau gemeint ist, bleibt häufig unklar. Burnout ist mehr als ein schlechter Monat. Eine eigenständige Krankheit ist es aber nicht.
Was ist Burnout? Die Definition der WHO
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Burnout in ihrer Klassifikation ICD-11 unter dem Code QD85. Sie beschreibt Burnout als Syndrom. Es entsteht durch chronischen Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Typisch sind drei Merkmale:
- Gefühle von Erschöpfung und Energieverlust
- Wachsende innere Distanz zum Job. Oft mit einer negativen oder zynischen Haltung zur Arbeit.
- Verringerte berufliche Leistungsfähigkeit
Die WHO ordnet Burnout als berufsbezogenes Phänomen ein. Als medizinische Erkrankung führt sie es nicht. Es steht im Kapitel zu Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen. Und der Begriff gilt nur für die Arbeitswelt.
Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) schreibt: In der Fachwelt ist Burnout nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt. Die Beschwerden treten oft zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf.
Burnout im Rettungsdienst: was Studien zeigen
Die Befragung vom Anfang heißt EMS Health-Studie 2023. Ein Team um Stefanie Pecha hat dafür zwischen Oktober 2023 und Januar 2024 Rettungskräfte aus allen 16 Bundesländern online befragt. 71,2 Prozent empfanden Arbeitsinhalte oder Arbeitsbedingungen als belastend. Von ihnen bewerteten als hoch oder sehr hoch belastend:
- unregelmäßige Pausenzeiten (47 Prozent)
- körperliche Belastung wie Heben und Tragen (46,6 Prozent)
- Schicht- und Wochenendarbeit (46 Prozent)
- ein unsicheres Dienstende (44,9 Prozent)
- Überstunden (43,2 Prozent)
Burnout selbst hat diese Studie nicht gemessen. Eine Meta-Analyse von Huang und Kollegen hat 2026 Daten aus 35 Studien zusammengefasst. Insgesamt waren es 32.841 Beschäftigte im Rettungsdienst. Zusammengerechnet lag der Anteil mit Burnout bei 40 Prozent. Die Werte der einzelnen Studien lagen aber zwischen 5 und 89 Prozent.
Die Zahlen schwanken stark. Klar ist trotzdem: Burnout wird im Rettungsdienst häufig berichtet.
Der Teufelskreis aus Belastung und Personalmangel
Die Autorinnen und Autoren der EMS Health-Studie beschreiben einen Kreislauf. Sie sprechen von einer negativen Rückkopplungsschleife:
- Eine sehr hoch empfundene Belastung kann zu Überforderung und Erschöpfung führen.
- Daraus können gesundheitliche Probleme entstehen.
- Krankheit senkt die Leistungsfähigkeit und die persönlichen Ressourcen.
- Das verstärkt das Belastungsempfinden.
- Krankheit und Belastung schwächen die Berufstreue.
- Sinkende Berufstreue verschärft den Personalmangel.
- Der Personalmangel erhöht die Belastung der Verbleibenden.
Der Kreis schließt sich. Und beginnt von vorn. Nur eine Stufe höher.
Rettungsberufe gelten laut Studie als Engpassberufe. Personal ist nicht mehr selbstverständlich nachbesetzbar. Wer als Organisation so weitermacht wie bisher, verliert Personal.
Wichtig ist die Einordnung: Die Studie ist eine Befragung zu einem einzigen Zeitpunkt. Ursache und Wirkung kann sie nicht belegen.
Die Präventionslücke: Nachsorge ja, Vorbereitung kaum
Die EMS Health-Studie hat auch gefragt, was die Organisationen gegen psychische Fehlbelastung tun. Das Ergebnis ist ein krasses Missverhältnis:
- 54,3 Prozent berichten von Vorkehrungen für schnelle professionelle Hilfe nach traumatischen Einsätzen.
- 36,9 Prozent kennen feste Regeln für Nachbesprechungen nach belastenden Einsätzen.
- Nur 23,4 Prozent sagen: Ihre Einrichtung bietet Fortbildungen an. Etwa zur Vor- und Nachbereitung belastender Einsätze oder zur Stressbewältigung.
- Nur 9,3 Prozent berichten von Angeboten zur Stressbewältigung.
- 54 Prozent sagen: Ihre Organisation ergreift keine weiteren Maßnahmen gegen die Folgen hoher psychischer Belastung.
Nachsorge hilft, wenn etwas passiert ist. Prävention setzt vorher an. Diese zweite Hälfte kommt in vielen Organisationen zu kurz.
Die Autoren schränken selbst ein: Manche Lücke bedeutet vielleicht nur, dass die Mitarbeitenden das Angebot nicht kennen. Auch das ist ein Auftrag an die Leitung.
PSNV und Debriefing sind wichtig. Krisenintervention und Therapie ebenso. Sie sind richtig und werden gebraucht. Aber sie setzen voraus, dass bereits etwas schiefgelaufen ist. Wir trainieren das Handwerk. Wir trainieren den Körper. Das Nervensystem trainieren wir kaum.
Burnout vorbeugen: was die Organisation leisten muss
Prävention ist zuerst Aufgabe der Organisation. Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber zur Gefährdungsbeurteilung. Dazu gehören ausdrücklich auch psychische Belastungen bei der Arbeit.
Die WHO empfiehlt in ihren Leitlinien zur psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz mehrere Ebenen:
- Risiken bei der Arbeit erfassen und verringern. Ein Beispiel sind flexiblere Arbeitszeiten.
- Führungskräfte schulen. Sie sollen Belastung im Team erkennen und darauf reagieren können.
- Beschäftigte schulen. Das stärkt das Wissen über psychische Gesundheit und baut Vorurteile ab.
Die Befragten der EMS Health-Studie haben eigene Vorschläge bewertet. Als besonders geeignet sahen sie:
- Bewegungsangebote im Betrieb und mehr frische Speisen (je 39,8 Prozent)
- rechtzeitige Informationen und nachvollziehbare Entscheidungen (38,6 Prozent)
- Supervision mit psychologischer Betreuung (32,4 Prozent)
- mehr Unterstützung durch Vorgesetzte (31,3 Prozent)
Was Bewegung und Essen im Schichtdienst leisten können, lesen Sie im Artikel Bewegung und Ernährung im Schichtdienst.
Personal zu schützen ist keine Kür mehr. Es ist die Voraussetzung dafür, dass der Rettungsdienst arbeitsfähig bleibt. Welche Schutzfaktoren dabei zählen, lesen Sie im Artikel Schutzfaktoren der Resilienz.
Burnout vorbeugen: was wir selbst in der Hand haben
Das entbindet aber keinen von uns von der eigenen Verantwortung. Der Kreislauf beginnt mit der Belastung, die jede und jeder Einzelne empfindet. Genau dort können wir selbst ansetzen.
Auch die WHO empfiehlt Maßnahmen für Einzelne. Dazu zählen Training im Umgang mit Stress und Bewegung in der Freizeit. Konkret heißt das für uns:
- Prüfen Sie vor dem Dienst Ihren Füllstand. Wie habe ich geschlafen? Was läuft privat mit? Mehr dazu steht im Artikel Was Resilienz wirklich ist.
- Nehmen Sie Pausen zwischen den Einsätzen ernst. Sie gehören zum Dienst.
- Üben Sie eine Technik zur Regulation. Und zwar in ruhigen Momenten.
- Bewegen Sie sich in Ihrer Freizeit. Das muss kein Leistungssport sein.
- Reden Sie über Belastung. Mit Kolleginnen und Kollegen, Peers oder der Einsatznachsorge.
- Stellen Sie Ihren Selbstwert auf mehrere Beine. Warum das wichtig ist, lesen Sie im Artikel über das Helfer-Paradox.
Warnzeichen: wann Sie genauer hinsehen sollten
Burnout entsteht aus chronischem Stress. Deshalb kommt es selten über Nacht. Das IQWiG beschreibt drei Hauptanzeichen:
- Erschöpfung: Wir fühlen uns ausgelaugt und emotional erschöpft. Manchmal kommen körperliche Beschwerden dazu. Etwa Schmerzen oder Probleme mit Magen und Darm.
- Entfremdung: Der Dienst fühlt sich immer belastender und frustrierender an. Ein zynischer Ton schleicht sich ein.
- Weniger Leistung: Konzentration und Antrieb lassen nach.
Diese Zeichen sind keine Diagnose. Online-Tests eignen sich laut IQWiG nicht, um ein Burnout festzustellen. Bemerken Sie solche Zeichen über Wochen bei sich? Dann sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
Burnout oder Depression? Die Grenze ist wichtig
Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und weniger Leistung gibt es bei Burnout und bei einer Depression. Deshalb wird eine Depression manchmal für ein Burnout gehalten. Das IQWiG hält diese Verwechslung für problematisch.
Wer vor allem durch Belastung erschöpft ist, erholt sich oft im Urlaub oder in einer Auszeit. Eine Depression braucht dagegen eine Behandlung. Zum Beispiel eine Psychotherapie oder Medikamente. Das IQWiG nennt einige Unterschiede:
- Bei einer Depression betreffen negative Gedanken und Gefühle alle Lebensbereiche. Beim Burnout geht es eher um die Arbeit.
- Typisch für eine Depression sind etwa ein geringes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit. Auch Gedanken an Suizid gehören dazu.
Nicht jedes Burnout ist eine Depression. Burnout-Beschwerden können das Risiko dafür aber erhöhen. Lassen Sie anhaltende Beschwerden deshalb ärztlich abklären. Dabei geht es auch um andere Ursachen wie körperliche Erkrankungen. Haben Sie Gedanken an Suizid? Dann holen Sie sofort Hilfe. Die Nummern stehen am Ende dieser Seite.
Nach belastenden Einsätzen kann auch eine PTBS hinter den Beschwerden stecken. Mögliche Warnzeichen stehen im Artikel PTBS bei Einsatzkräften.
Früher ansetzen: bevor der erste Riss entsteht
Sven Steffes-Holländer beschreibt in seinem Buch „Berufliche Traumatisierung bei Einsatzkräften“ die Folgen. Gemeint ist ein Nervensystem, das nicht mehr aus der Belastungsschleife herauskommt. Er nennt auch präventive Ansätze. In der Praxis unserer Einsatzsysteme kommt dieser präventive Teil aber kaum an.
Stresshacking setzt früher an. Nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Sondern bevor der erste Riss entsteht. Stresshacking ersetzt keine Behandlung. Es ergänzt PSNV, Peers und Therapie.
Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.