Je lauter er wurde, desto hektischer die Gruppe
Ruhe bewahren klingt einfach. Im Einsatz fällt es oft schwer. Gerade uns Führungskräften.
Ich erinnere mich genau an einen Vorgesetzten bei einem Großeinsatz. Die Lage war unübersichtlich. Stieg der Druck, stieg auch seine Lautstärke.
Und die Gruppe? Sie wurde nicht ruhiger. Sie wurde hektischer. Dabei dachte er, er führt.
Das habe ich damals verstanden und nie wieder vergessen. Später habe ich an mir selbst denselben Fehler bemerkt. Wenn der Druck stieg, wurde auch ich lauter. Ich dachte, ich zeige Präsenz. In Wirklichkeit habe ich Stress exportiert.
Seitdem gilt für mich ein Satz: Die Stimme der Führungskraft ist das Stresslevel der Gruppe. Nicht die Lage. Die Stimme.
Emotionale Ansteckung: was dahintersteckt
Was ich damals erlebt habe, hat einen Namen. Die Psychologin Elaine Hatfield hat es mit John Cacioppo und Richard Rapson beschrieben. Sie nennen es emotionale Ansteckung.
Gemeint ist eine Neigung, die in uns allen steckt. Wir ahmen andere Menschen automatisch nach. In der Mimik und in der Stimme. In der Haltung und in den Bewegungen. Dadurch gleichen sich auch unsere Gefühle an. Sogar Sprechtempo und Pausen passen sich im Gespräch einander an.
Das passiert schnell und meist unbewusst. Laut Hatfield und Kollegen merken wir kaum, wie stark wir andere spiegeln.
Wie stark allein die Stimme wirkt, zeigt ein Versuch der Universität Würzburg. Die Teilnehmenden hörten einen sachlichen Text. Gesprochen wurde er mit leicht trauriger oder leicht fröhlicher Stimme. Die Stimmung der Zuhörer passte sich der Stimme an. Der Inhalt war dabei neutral.
Was das für uns Führungskräfte heißt
Auch zur Führung gibt es Forschung. Thomas Sy und Kollegen haben 2005 untersucht, wie die Stimmung einer Leitung auf ihre Gruppe wirkt. War die Leitung positiv gestimmt, waren es auch die Gruppenmitglieder. Die Gruppen arbeiteten zudem besser abgestimmt zusammen. Es war eine Laborstudie und kein Einsatz. Das Ergebnis passt aber zu dem, was viele von uns an der Einsatzstelle erleben.
Sogar Stress selbst kann überspringen. Ein Forschungsteam um Veronika Engert ließ Menschen zusehen, wie andere einen Stresstest durchliefen. Bei 26 Prozent der Beobachter stieg das Stresshormon Cortisol deutlich an. Allein durch das Zusehen.
Unsere Gruppe liest uns. Ob wir wollen oder nicht. Wenn es kritisch wird, schauen alle auf die Führungskraft. Unsere Stimme und unser Tempo werden dann zum Signal für die ganze Mannschaft.
Stimme, Tempo und Körpersprache: unsere leisen Führungsmittel
Führen unter Druck heißt nicht, lauter zu werden. An der Einsatzstelle ist es oft laut genug. Pumpen laufen. Der Funk rauscht. Manchmal müssen wir laut sprechen, um überhaupt gehört zu werden. Laut heißt aber nicht hektisch.
Unter starker Belastung verändert sich oft unser Tonfall. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) nennt das ausdrücklich als mögliche körperliche Reaktion auf außergewöhnliche Belastung. Unsere Gruppe hört also mit, wie es uns geht.
Drei Führungsmittel haben wir immer dabei:
- Stimme: Sprechen Sie ruhig und eher langsam. Laut genug, damit man Sie versteht. Aber nicht lauter.
- Tempo: Kurze Sätze und klare Aufträge. Eine kleine Pause vor dem nächsten Befehl.
- Körpersprache: Gehen statt rennen. Ruhige Hände. Blickkontakt mit der Person, die Sie ansprechen.
20 Prozent Taktik, 80 Prozent Selbstregulation
Ich sage es gern zugespitzt: Führung unter Hochstress ist 20 Prozent Taktik und 80 Prozent Selbstregulation. Das ist kein Messwert. Es ist meine Erfahrung aus vielen Jahren im Einsatzdienst.
Die Taktik lernen wir gründlich. Wir lernen Lagebeurteilung und Befehlsgebung. Aber wie viel Ausbildungszeit widmen wir der Selbstregulation? Gemeint ist die Fähigkeit, den eigenen Stress wahrzunehmen und zu steuern.
Wer sich selbst nicht steuern kann, kann andere kaum ruhig führen.
Dass sich diese Fähigkeit trainieren lässt, deutet eine Pilotstudie mit Polizeikräften an. Judith Andersen und Harri Gustafsberg übten mit einer Gruppe Techniken zur psychischen und körperlichen Kontrolle unter Stress. Danach zeigten diese Kräfte mehr körperliche Kontrolle und mehr Lageüberblick. Sie trafen auch mehr richtige Entscheidungen zum Einsatz von Gewalt als die Vergleichsgruppe. Die Studie war klein. Sie ist ein Hinweis und kein Beweis.
Entscheiden unter Stress: Erfahrung und ihre Grenzen
Wie entscheiden erfahrene Einsatzleiter unter Zeitdruck? Der Psychologe Gary Klein hat das Mitte der 1980er-Jahre bei Einsatzleitern der Feuerwehr untersucht. Das Ergebnis: Nur bei weniger als 12 Prozent der Entscheidungen verglichen sie mehrere Möglichkeiten miteinander.
Meist erkannten sie die Lage als typisch wieder. Dann wählten sie direkt eine passende Handlung. Klein nannte das erkennungsgestütztes Entscheiden. Erfahrung ist im Einsatz also ein Werkzeug für schnelle Entscheidungen.
Stress kann Entscheidungen aber verschlechtern. Katrin Starcke und Matthias Brand haben 2016 Laborstudien mit über 1.800 Teilnehmenden ausgewertet. Unter Stress fielen Entscheidungen im Schnitt ungünstiger und riskanter aus. Der Effekt war klein. Aber er war messbar.
Hinzu kommt der Tunnelblick. Unter akutem Stress wird der Teil des Gehirns leiser, mit dem wir planen und abwägen. Mehr dazu lesen Sie im Artikel Kampf, Flucht und Erstarrung.
Erst regulieren. Dann entscheiden.
Ruhe bewahren: Routinen für Anfahrt und Lage
Ruhe bewahren gelingt selten aus dem Stand. Es braucht Routinen, die wir vorher geübt haben.
Auf der Anfahrt
- Atmen Sie bewusst. Nutzen Sie eine kurze Atemtechnik mit langem Ausatmen. Warum das hilft, lesen Sie im Artikel Vagusnerv beruhigen.
- Prüfen Sie Ihre Stimme. Sagen Sie im Fahrzeug einen ruhigen Satz. Hören Sie, wie Sie gerade klingen.
- Legen Sie Ihren ersten Satz an der Einsatzstelle fest. Kurz und klar. Zum Beispiel: „Wir verschaffen uns jetzt einen Überblick.“
An der Einsatzstelle
- Kommen Sie an, bevor Sie loslegen. Ein Atemzug beim Aussteigen. Dann der Blick auf die Lage.
- Senken Sie Tempo und Lautstärke, wenn es hektisch wird. Nicht die Klarheit.
- Bewegen Sie sich bewusst. Gehen statt rennen.
- Achten Sie auf Ihren Körper. Werden Atmung und Stimme schneller, ist das Ihr Signal. Nehmen Sie einen tiefen Atemzug, bevor Sie den nächsten Auftrag geben.
Üben Sie diese Routinen im Übungsdienst und bei kleinen Einsätzen. Dann sitzen sie, wenn es wirklich zählt.
Ruhe beginnt vor dem Alarm
Ruhe entsteht nicht erst an der Einsatzstelle. Spannungen im Team fahren mit. Ein ungelöster Konflikt auf der Wache zieht Kraft aus demselben Akku wie der Einsatz. Mehr zum Resilienz-Akku lesen Sie im Artikel Was Resilienz wirklich ist.
Gute Stimmung im Team ist deshalb kein Luxus. Teamklima ist Einsatzvorbereitung.
Ruhe hat auch Grenzen. Auch wir Führungskräfte haben eine Tagesform. Nicht jede Lage gelingt uns ruhig. Haben wir selbst einmal den Faden verloren, dürfen wir darüber sprechen. Mit Kollegen, mit Peers oder mit der PSNV.
Was Organisation und Führung über den Einsatz hinaus für die psychische Gesundheit tun können, lesen Sie im Artikel Psychohygiene als Führungsaufgabe.
Ruhe ist ansteckend. Hektik auch.
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