Trainingsweltmeister oder High-Performer?
Profis im Sport wissen: Ob jemand Trainingsweltmeister bleibt oder im Wettkampf abliefert, entscheidet die emotionale Stabilität. Für uns Einsatzkräfte gilt das genauso. Unser Wettkampf ist der Einsatz. Und der kommt ohne Vorwarnung.
Wer mentale Stärke trainieren will, braucht deshalb mehr als Fachwissen. Wir brauchen ein Nervensystem, das uns unter Druck den Zugriff auf dieses Wissen lässt.
Was mentale Stärke im Einsatz bedeutet
Mentale Stärke klingt nach Härte. Nach Zähne zusammenbeißen. Nach einem Typ, an dem alles abprallt. Das ist hier nicht gemeint.
Im Einsatz heißt mentale Stärke: Wir können unter Druck abrufen, was wir gelernt haben. Wir bleiben handlungsfähig, auch wenn die Lage kippt. Und wir finden danach wieder zurück.
Mentale Stärke ist kein Charakterzug. Sie lässt sich aktiv entwickeln. Wie Resilienz schwankt sie mit der Tagesform. Mehr dazu lesen Sie im Artikel Was Resilienz wirklich ist.
Wir trainieren jeden Handgriff
Wir Einsatzkräfte trainieren jeden Handgriff. Atemschutz. Technische Rettung. Reanimation. Das alles üben wir, bis es ohne nachzudenken sitzt. Weil es sitzen muss, wenn es drauf ankommt.
Nur eines trainieren wir kaum: das, was unter Hochstress als Erstes ausfallen kann. Unser Nervensystem.
Dann kommt der eine Einsatz. Der, in dem wir uns selbst nicht wiedererkennen. Versprecher. Tunnelblick. Leere im Kopf. Fahrige Hände tun nicht mehr, was sie sollen.
Das ist kein Versagen. Das ist Neurobiologie. Gerät unser Stresssystem aus der Bahn, fehlt uns der Zugriff auf Wissen und Erfahrung. Egal, wie viel wir davon haben. Was dabei im Gehirn passiert, steht im Artikel über Fight or Flight.
Schauen wir ehrlich auf unsere Ausbildung:
- Vor dem Einsatz: Training für den Umgang mit Stress? Kaum vorhanden.
- Im Einsatz: Werkzeuge, um handlungsfähig zu bleiben? Kaum vorhanden.
- Nach dem Einsatz: Nachbereitung? Etabliert.
Die Einsatznachbereitung ist wichtig. Und sie bleibt wichtig. Aber sie greift erst, wenn der Stress längst gewirkt hat. Aktives Stressmanagement ist deshalb eine Metakompetenz im Einsatzdienst. Erst damit können wir unser Wissen auch abrufen, wenn es heiß hergeht.
Ein Zusammenstoß in der Luft
Ein Video ging um die Welt. Eine erfahrene Gleitschirmfliegerin ist in der Luft unterwegs. Von hinten trifft sie ein Kleinflugzeug. Der Propeller zerfetzt ihren Schirm. Keine Vorwarnung. Keine Zeit.
Sie löst ihren Rettungsschirm aus. Sie landet auf einem Forstweg und ist nur leicht verletzt.
Das kennen wir Einsatzkräfte. Eine Lage dreht sich in Sekunden. Genau dann entscheidet sich alles. Zwei Dinge haben ihr vermutlich geholfen.
Erstens: der trainierte Handgriff
Den Rettungsschirm auszulösen muss man geübt haben. Nicht einmal. Immer wieder. Bis der Griff nicht mehr gedacht wird. Der deutsche Gleitschirmverband DHV schreibt dazu: Nur wenige Piloten sind darauf vorbereitet, den Retter unter Stress sicher auszulösen. Wer den Vorgang schon einmal geübt hat, löst ihn im Notfall vermutlich eher aus.
Zweitens: ein Nervensystem, das nicht überschießt
Wer alles richtig trainiert hat, kann trotzdem einfrieren. Der Griff ist da. Aber der Körper führt ihn nicht aus. Ein trainiertes Nervensystem lässt Stress zu. Stress ist nötig und kann Leben retten. Das trainierte System sorgt aber dafür, dass Stress seltener in Schockstarre kippt.
Was genau in ihr vorging, wissen wir nicht. Aber sie hat gehandelt, als es darauf ankam. Beides ist trainierbar: der Handgriff und das Nervensystem.
Stress Inoculation Training: die Stressimpfung
Ein gut untersuchtes Verfahren dafür ist das Stress Inoculation Training. Auf Deutsch heißt es Stressimpfungstraining oder kurz Stressimpfung. Entwickelt hat es der Psychologe Donald Meichenbaum. Ausführlich beschrieben hat er es 1985 in seinem Buch „Stress Inoculation Training“.
Der Name ist ein Bild. Wie bei einer Impfung soll das Training eine Art psychologische Abwehrkräfte aufbauen. Dafür begegnen wir Stress in dosierter Form. Er soll stark genug sein, um unsere Abwehr zu wecken. Er darf uns aber nicht überwältigen.
Meichenbaum beschreibt drei Phasen:
- Verstehen: Wir lernen, wie Stress entsteht und wie er bei uns wirkt.
- Üben: Wir erwerben Werkzeuge und üben sie. Dazu gehören zum Beispiel Entspannung und gedankliche Techniken.
- Anwenden: Wir setzen die Werkzeuge in immer realistischeren Situationen ein.
Wirkt das? Eine Übersichtsarbeit von 1996 hat 37 Studien mit 1.837 Teilnehmenden ausgewertet. Das Training senkte die Leistungsangst und die akute Angst. Und es verbesserte die Leistung unter Stress. Für den Einsatz in Ausbildung und Beruf fanden die Forschenden keine wesentlichen Einschränkungen.
Training unter realistischem Druck
Wie das konkret aussehen kann, zeigen Studien mit der Polizei. Ein Forschungsteam der Freien Universität Amsterdam hat dazu 2008 das Schießtraining untersucht. Eine Gruppe übte gegen einen Gegner, der mit Farbmunition zurückschoss. Die andere Gruppe übte auf Pappscheiben.
Vorher trafen beide Gruppen schlechter, sobald jemand zurückschoss. Nach drei Trainingseinheiten war das bei der Gruppe mit Druck nicht mehr so. Bei der Vergleichsgruppe blieb der Leistungseinbruch. Die Gruppen waren mit 17 Personen insgesamt klein.
Eine Folgestudie mit 27 Polizeikräften kam 2011 zum gleichen Ergebnis. Der Effekt hielt auch vier Monate nach dem Training noch an. Wer mit Druck übt, gewöhnt seine Leistung an Druck.
Für Feuerwehr und Rettungsdienst heißt das: Übungen dürfen fordern. Zeitdruck, Lärm oder unklare Lagen gehören in realistische Übungen. Wichtig ist die Dosis. Wie bei der Stressimpfung soll die Belastung fordern und nicht überwältigen.
Mentales Training: der Einsatz im Kopf
Mentales Training heißt: Wir gehen eine Aufgabe in Gedanken durch, bevor wir sie ausführen. Fachleute sprechen von mentalem Üben.
James Driskell, Carolyn Copper und Aidan Moran haben dazu 1994 zahlreiche Studien ausgewertet. Mentales Üben verbesserte die Leistung messbar. Wie stark, hing von der Art der Aufgabe ab. Es hing auch davon ab, wie lange das Üben zurücklag und wie lange geübt wurde.
Auch in der Medizin ist das untersucht. In einer Studie aus London übten 20 angehende Chirurginnen und Chirurgen eine Operation am Simulator. Die eine Gruppe ging den Eingriff vorher 30 Minuten im Kopf durch. Die andere sah stattdessen einen Vortrag. Die Gruppe mit mentalem Training operierte in allen fünf Durchgängen besser.
Mentales Training ersetzt das praktische Üben nicht. Es ergänzt es. Gehen Sie deshalb typische Einsätze in Gedanken durch. Nicht nur die Handgriffe. Auch den Moment, in dem es eng wird. Und wie Sie dann bremsen.
Mentale Stärke trainieren: fünf Schritte für den Dienst
- Kennen Sie Ihre Frühzeichen. Merken Sie, wann Sie das Fenster der Toleranz verlassen.
- Üben Sie täglich eine kurze Atemtechnik. Zuerst in ruhigen Momenten. Dann sitzt sie, wenn es ernst wird.
- Nutzen Sie Übungen bewusst als Stressimpfung. Fordernd, aber nicht überwältigend.
- Gehen Sie Einsätze mental durch. Auch den Moment, in dem es kippt. Und Ihre Antwort darauf.
- Werten Sie aus, was funktioniert hat. Jedes gelungene Gegensteuern stärkt das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. Warum das zählt, lesen Sie bei den Schutzfaktoren der Resilienz.
Vom Trainingsweltmeister zum Einsatzprofi
Mentale Stärke zu trainieren ersetzt keine Nachsorge. PSNV, Peers und Einsatznachbereitung bleiben wichtig. Stresshacking setzt vorher an. Es geht nicht um Entspannung. Es geht um die Fähigkeit, unter Druck auf das Erlernte zuzugreifen.
Das Handwerk trainieren wir längst. Jetzt ist das Nervensystem dran. Was trainieren Sie? Nur das Handwerk oder auch das Nervensystem?
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