Nach dem Einsatz: reden oder schweigen?
Wir kennen die Szenen. Einer macht auf dem Rückweg einen Witz. Eine andere schaut nur aus dem Fenster. Auf der Wache steht jemand länger als nötig am Fahrzeug. Und irgendwer fragt: „Sollen wir noch mal drüber sprechen?“
Jeder verarbeitet anders. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) nennt ungewohnte Reaktionen nach besonders belastenden Einsätzen zunächst normal. Meist klingen sie nach Stunden oder Tagen wieder ab.
Trotzdem bleibt die Frage. Hilft es, darüber zu reden? Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, wie. Dafür lohnt zuerst ein Blick auf die Begriffe.
Die Begriffe: was Defusing und Debriefing bedeuten
Die Begriffe kommen aus dem Englischen. Bekannt wurden sie durch das Critical Incident Stress Debriefing (CISD) von Jeffrey Mitchell aus dem Jahr 1983. Es gehört zu einem größeren Konzept. Das heißt Critical Incident Stress Management (CISM).
In Deutschland beschreibt die DGUV vier Gesprächsformen der psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E):
- Wiedereingliederung (Demobilization): ein kurzes Gespräch nach dem Einsatz. Es dauert höchstens zehn Minuten. Es informiert über das Ereignis und mögliche Reaktionen. Und es nennt weitere Hilfsangebote.
- Entschärfung (Defusing): ein Gruppengespräch direkt nach dem Einsatz, immer innerhalb von 24 Stunden. Es soll akute Stresssymptome verringern. Und es soll die Einsatzbereitschaft wiederherstellen.
- Einsatznachbesprechung (Debriefing): die längste und intensivste Form. Ein Gruppengespräch einige Tage nach dem Ereignis. Es kann mehrere Stunden dauern. Eine psychosoziale Fachkraft leitet es. Möglichst ist auch ein Peer dabei, also eine geschulte Kollegin oder ein geschulter Kollege.
- Einzelgespräch: unter vier Augen mit einem Peer oder einer Fachkraft.
Die Teilnahme ist laut DGUV immer freiwillig, vertraulich und anonym.
Achtung, Verwechslungsgefahr: Im Rettungsdienst und in der Klinik meint „Debriefing“ oft etwas anderes. Gemeint ist dann eine Nachbesprechung zum Lernen. Wie lief die Reanimation? Was machen wir beim nächsten Mal anders? Die Leitlinien des Europäischen Rats für Wiederbelebung (ERC) empfehlen solche leistungsorientierten Teambesprechungen nach einer Reanimation. Hier geht es um Abläufe. Nicht um Gefühle. Beides hat seinen Platz. Aber es sind zwei verschiedene Werkzeuge.
Was die Forschung zum Debriefing sagt
Jetzt wird es spannend. Und etwas unbequem.
Die Cochrane Collaboration hat 2002 die kontrollierten Studien zum psychologischen Debriefing ausgewertet. Cochrane-Übersichten gelten als besonders gründlich. Das Ergebnis: Ein einmaliges Debriefing für einzelne Betroffene beugt einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nicht vor. In einer der Studien hatten die Teilnehmenden nach einem Jahr sogar ein höheres PTBS-Risiko. Die Autoren raten deshalb, verpflichtende Debriefings zu beenden.
Ähnlich klang es schon 2002 im Deutschen Ärzteblatt. Debriefing nach Großschadenslagen sei bestenfalls wirkungslos. Für Menschen mit hohem Risiko könne es sogar schädlich sein.
Eine Einschränkung ist wichtig. Die Cochrane-Studien untersuchten vor allem Einzelgespräche mit Unfall- und Gewaltopfern. Nicht Einsatzkräfte in der Gruppe. Für uns ist die Datenlage dünner. Eine Übersichtsarbeit von 2023 fand für Gruppengespräche mit Einsatzkräften weder einen klaren Schaden noch einen klaren Schutz. Sie zeigt aber auch: Viele Einsatzkräfte sind mit solchen Gesprächen zufrieden. Zufriedenheit allein sagt aber nichts darüber, ob die Belastung sinkt. In einer der ausgewerteten Studien hing beides nicht zusammen.
Und das Defusing? Es ist im Alltag weit verbreitet. Wissenschaftlich ist es bisher kaum untersucht.
Eine deutsche Studie mit Einsatzkräften
Besonders aufschlussreich ist eine Untersuchung der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit ehrenamtlichen Einsatzkräften. Nach belastenden Einsätzen verglich sie vier Wege der Nachsorge:
- ein klassisches Debriefing
- eine Nachsorge mit Schwerpunkt auf dem Verstehen der Reaktionen
- eine Nachsorge durch die eigene Führungskraft, den Kommandanten
- keine Maßnahme
Ausgewertet wurden 339 Fragebögen. Das Ergebnis nach sechs Monaten: Die Art der Nachsorge machte keinen Unterschied. In allen vier Gruppen sank die Belastung deutlich. Auch in der Gruppe ohne jede Maßnahme. Der Anteil mit PTBS-Symptomen im Fragebogen fiel vom Beginn bis zum Abschluss der Studie von 12,9 auf 7,0 Prozent.
Die Forschenden vermuten einen einfachen Grund. Die Führungskräfte waren für das Thema sensibilisiert. Und die Mannschaften beschäftigten sich damit. Das ist eine Vermutung und kein Beweis. Aber sie ist ein starker Hinweis für die Praxis. Hinschauen wirkt vielleicht mehr als jede einzelne Methode. Die Autoren empfehlen deshalb regelmäßige Angebote, die nicht an ein Ereignis gebunden sind. Zum Beispiel einen psychosozialen Jahresrückblick in der Einheit.
Was das für uns bedeutet
Nicht das Gespräch ist das Problem. Problematisch ist das Pflichtprogramm für alle. Also eine einmalige Runde, in der jeder seine Eindrücke ausführlich schildern soll. Manchen tut das gut. Andere belastet es zusätzlich. Der Beitrag im Ärzteblatt erklärt das am Beispiel von Betroffenen nach Großschadenslagen. Wer selbst schwer erschüttert ist, kann durch die Berichte der anderen erneut überflutet werden. Gruppengespräche sollen in der akuten Phase deshalb vor allem informieren. Persönliche Erlebnisberichte gehören eher ins Einzelgespräch.
Daraus ergeben sich drei einfache Regeln:
- Freiwillig statt Pflicht. Einladen ja. Zwingen nein.
- Informieren statt ausfragen. Information entlastet. Zum Beispiel darüber, welche Reaktionen normal sind. Niemand muss Details erzählen.
- Nachfragen statt abhaken. Ein Gespräch am Abend ersetzt nicht den Blick nach ein paar Tagen.
Was Sie nach einem schweren Einsatz tun können
- Erst die Basis. Trinken und essen. Kurz raus aus dem Lärm. Die DGUV rät, sich Ruhe und Zeit zu nehmen. Und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.
- Den Körper herunterfahren. Eine kurze Atemübung auf der Rückfahrt kann dem Nervensystem helfen. Eine einfache Übung finden Sie im Artikel Vagusnerv beruhigen.
- Reden, wenn Sie wollen. Ein, zwei Sätze zu einer Kollegin reichen oft. Niemand muss Details erzählen. Auch nicht in der Gruppe.
- Wissen, was normal ist. Schlechter Schlaf, Bilder im Kopf oder Gereiztheit sind in den ersten Tagen häufig. Sie bedeuten nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt.
- Menschen nutzen, die Ihnen guttun. Familie und Freundeskreis sind laut DGUV eine wichtige Stütze. Sie müssen dort nichts erklären. Zeit miteinander hilft oft schon.
- Nach ein paar Tagen ehrlich prüfen. Wird es leichter? Das ist ein gutes Zeichen. Bleibt es gleich oder wird es schwerer? Dann holen Sie sich Unterstützung.
Feste Routinen machen das leichter. Wie Sie nach jedem Einsatz Psychohygiene betreiben, lesen Sie im Artikel Einsatzstellenhygiene. Wie der Übergang vom Dienst nach Hause gelingt, steht im Artikel Abschalten nach dem Einsatz.
Was Führungskräfte und Teams tun können
- Im Einsatz vorsorgen: Pausen, Ablösung und Verpflegung sichern. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nennt dazu auch Gesprächsangebote, die nicht verpflichtend sind.
- Belastende Einsätze erkennen: Die DGUV nennt Beispiele. Dazu gehören Einsätze mit schwer verletzten oder toten Kindern.
- PSNV früh anfordern: Die Unterstützung durch die PSNV fordern Sie laut DGUV über die Leitstelle an.
- Einladen statt verpflichten: Die Teilnahme bleibt freiwillig und vertraulich. Dokumentiert werden nur die Namen der Teilnehmenden. Nicht die Inhalte.
- Lernen und Verarbeiten trennen: Eine kurze Nachbesprechung zu den Abläufen ist sinnvoll. Wer über Gefühle sprechen möchte, bekommt dafür einen eigenen Rahmen.
- Nach einigen Tagen nachfragen: Einsatznachsorge findet laut BBK Tage bis zwei oder drei Wochen nach dem Einsatz statt. Halten Reaktionen länger als drei Tage an, sollen laut DGUV die psychosozialen Ansprechpartner dazukommen. Ein ehrliches „Wie geht es dir inzwischen?“ zeigt: Wir haben dich im Blick.
- Regelmäßig statt nur im Ernstfall: Ein Jahresrückblick in der Einheit schafft Raum für das, was sich angesammelt hat.
Warum das Führungsaufgabe ist, lesen Sie im Artikel Psychohygiene als Führungsaufgabe.
Wann professionelle Hilfe dazugehört
Halten Beschwerden länger als vier Wochen an, rät die DGUV zu professioneller Hilfe. Sind sie sehr stark, holen Sie sich früher Unterstützung. Ansprechpartner sind das PSNV-Team Ihrer Organisation, Ihre Hausarztpraxis oder eine Psychotherapie.
Ein belastender Einsatz kann auch ein Fall für die gesetzliche Unfallversicherung sein. Laut DGUV können Sie sich dafür auch selbst bei Ihrem Unfallversicherungsträger melden. Das ist die Unfallkasse oder Berufsgenossenschaft, bei der Sie versichert sind.
Auf welche Zeichen wir achten sollten, lesen Sie im Artikel PTBS-Warnzeichen. In einer akuten Krise wählen Sie die 112.
Reden hilft. Wenn es freiwillig ist.
Das Pflicht-Debriefing für alle ist nach heutigem Wissen nicht der richtige Weg. Kurze Entlastung, gute Information und kollegiale Nähe sind es eher. Dazu ein zweiter Blick nach ein paar Tagen.
Und vieles beginnt vor dem Einsatz. Wer sich selbst herunterregulieren kann, hat danach ein Werkzeug mehr. Resilienz ist kein Charakterzug. Resilienz lässt sich aktiv entwickeln.
Sie möchten Ihr Nervensystem sechs Wochen lang mit Anleitung trainieren? Dann schauen Sie sich das Stresshacking Professional Bootcamp an.